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THEMA: Erinnerungen an die Basler Stückfärberei

Erinnerungen an die Basler Stückfärberei 27 Nov 2018 01:38 #1

DIE Basler Stückfärberei.
Allgemein nannte man sie einfach nur «d’Stücki» und jeder Basler wusste, um was es ging. Das war die grosse Basler Stoff-Färberei in Kleinhüningen, mit vielen Beschäftigten. Man spricht auch heute noch von der Stücki, aber heute steht an jener Stelle wo die Fabrik war, schon lange ein modernes Einkaufs-Center. Und auch dieses ist bereits wieder Vergangenheit.



Mit der Stücki verbindet mich eine kurze Zeit des Jahres 1939, ein paar Monate nur. Aber ich habe dabei viel erlebt, was ich sonst nie kennen gelernt hätte. Ich war gerade fertig geworden mit der Handelsschule und suchte, wie alle meine Klassenkameradinnen, eine passende Arbeitsstelle, in einem Bureau der Stadt. Aber ich hatte damit kein Glück. Wohin ich auch meine Offerten schrieb, wo ich mich vorstellen durfte – ich bekam zum Schluss überall Absagen. Nicht dass ich schlechter war, als andere Arbeitssuchende, aber ich war zu der dümmsten, damaligen politischen Zeitepoche Italienerin. Zwar in Basel geboren und mit einer Mutter, welche kaum italienisch verstand und noch weniger sprechen konnte. Ich stellte mich jeweils vor, wobei ich diesen Umstand nie verheimlichte, und die sofortige Frage des möglichen Chefs lautete dann unweigerlich nach der Arbeit, die mein Vater ausführte. Und auch da antwortete ich wahrheitsgemäss, dass er Kanzler des italienischen Konsulates in Basel sei. Und prompt hiess es, ich bekäme Bescheid, was auch stimmte, jedoch der Bescheid war immer eine Absage. In jener Zeit regierte in Italien der Diktator Benito Mussolini, trotzdem das Land immer noch ein Königsreich war, mit Viktor Emanuel III. an der Spitze. Aber regieren durfte er nicht, das tat der andere für ihn.


Auch das Konsulat, in einer Grenzstadt wie Basel und in jenen Jahren eine wichtige Anlaufstelle für alle «ausgebüxten Antifaschisten», die in Frankreich, Belgien und Luxemburg arbeiteten, war immer noch das Italienische, königliche Generalkonsulat. Aber die Diktatur besass das Sagen und hatte mehr Macht als der König und sein ganzer Hofstaat. Der König durfte repräsentieren, auch wurde bei allen offiziellen Anlässen als erstes der Königsmarsch gespielt, dem aber sofort die andere Hymne folgte, die alsdann vom Volk mitgesungen werden musste.

Es war für mich und meine Familie verständlich, dass es unter diesen Vorgaben nicht einfach war, eine Arbeitsstelle zu erhalten. Eher, wenn mein Vater Maurer oder sonst etwas gewesen wäre. Und da der Kontakt vom Konsulat zu den schweizerischen Behörden immer sehr gut war, fragte mein Vater bei einer sich ergebenden Gelegenheit die Vorsteherin des Basler Arbeitsamtes, ob sie eventuell etwas für mich hätte, egal was, einfach um Erfahrung zu sammeln. Und sie telefonierte mir ein paar Tage später, ich solle bei ihr auf dem Arbeitsamt vorbeigehen. Freudig präsentierte ich mich bei dieser Dame im Kleinbasel, wo das Arbeitsamt seinen Sitz hatte und sie erklärte mir, etwas habe sie gefunden, nicht ganz was ich mit vielleicht vorstelle, aber es wäre ja nur für ein paar Monate, als Aushilfe, wenn ich wolle. Ich wollte natürlich, und so gab sie mir die Adresse der Stücki und sagte, der Lohn werde nach Fabrikgesetz bezahlt und betrage Fr. 40.—pro Woche.
Zum abgemachten Wochenanfang nahm ich den langen Arbeitsweg in Angriff. Mit dem Vierertram, das damals noch eine offizielle Linie war, denn ich musste damit vom Barfüsserplatz, mitten im Herzen der Stadt, nach Kleinhüningen fahren, dem ehemaligen Fischerdorf, und also recht weit vom Kern der Stadt. Bis zum Wiesenplatz. Dort ausgestiegen marschierte ich in Richtung Wiese, einem Flüsschen, das am deutschen Feldberg seine Quelle hatte. Auf einem Holzsteg überquerte ich den Bach und befand mich sofort in der Hochbergerstrasse, wo das Stücki Domizil war. Es ging an einer langen Mauer entlang, bis ich den Fabrik Eingang erreichte. Nahe beim Eingang befand sich das Haus, wo Direktion und Bureaus untergebracht waren, Ich musste jedoch weiter ins Innere gehen, am grossen Fabriksschlot vorbei, wo ich die Abteilung fand, bei der ich einige Zeit als Aushilfe mitarbeiten konnte.

Ich wartete drin, nachdem ich drei schon anwesende Frauen begrüsst hatte, dass der Chef dieser kleinen Abteilung käme, um mir zu sagen, was ich zu machen hätte. Nach ein paar Minuten, in denen ich von den schon anwesenden Damen scharf ins Visier genommen wurde, erschien Herr X……. Er führte mich an ein eisernes Monstrum, das aussah wie der Käfig eines riesigen Vogels, mindestens eines Geiers! Der Käfig war leer, aber obendrauf hockte eine kompakte Tastatur, alles aus kleinen, feinen Eisenstangen mit Typen dran. Und nach unten gegen den Boden hin war auch gähnende Leere. Ich betrachtete dieses Ungetüm verständnislos, sah aber doch, dass auch die restlichen drei Frauen ihren Arbeitsplatz vor so einem Eisenhaufen hatten.
Ich musste mich an eine der Breitseiten setzen und der Chef gab mir ein Formular, das ich unter der Tastatur platzieren musste. Darauf waren sehr viele Positionen aufgeführt, Stoffe in verschiedene Partien zuzuschneiden und Färbmuster und Dinge, die ich heute beim besten Willen nicht mehr genau erinnern kann. Und um die Ausdrücke, die benötigt wurden dazu, richtig einsetzen zu können, konnte man die Tastatur auf diesem grossen Eisengestelle hin und herbewegen, vertikal und horizontal. Aber man musste höllisch aufpassen, dass die Schrift dann auch am richtigen Ort eingesetzt wurde. Das erforderte grosse Aufmerksamkeit. Und dazu musste ich auch die dazu passenden Ausdrücke lernen. Das war so fremd für mich, dass ich am liebsten weggegangen wäre, ich aber wusste, dass dies von Papa nicht gerne akzeptiert worden wäre, eher als eine Art Feigheit. Also boxte ich mich durch. Und noch eine zweite Enttäuschung wartete an diesem Tag auf mich. Der Chef bestätigt mir diese Hilfsanstellung mündlich, erwähnte aber einen Wochenlohn von nur 30 Franken, statt der angesagten 40 Franken. Und ich war damals zu schüchtern, um zu reklamieren und es richtig zu stellen. Und so begann der Kampf – ich gegen das Eisengestell-Monster! Doch man gewöhnt sich schliesslich an alles.
Es war Sommer 1939, wir arbeiteten wie immer, aber rund um unser Land brauten sich tiefschwarze Wolken zusammen. Und in dieses Dunkelbild passte auch der grosse Fehler, der mir damals passierte, bei der Arbeit. Eines unguten morgens schauten mich alle Damen in meiner Abteilung streng an und munkelten untereinander. Und als ich fragte, ob etwas sei, machten sie mir regelrecht Angst mit ihren Aussprüchen, aus denen ich aber nicht klug wurde. Meimei, Kleines, jetzt geht es dir an den Kragen... und noch weitere Drohungen! Bis der Chef kam und mir mitteilte. Ich müsse zu einem der Chefs im Fabrikgebäude, er habe ein Hühnchen mit mir zu rupfen. Mir blieb nichts anderes übrig, als diesen «schweren Gang» anzutreten. Auf dem Hinweg rief mich ein Arbeiter zu sich ans Pültlein, öffnete die Schubladen und da sah ich ein Gekrabbel von unheimlich vielen Schwoobekäfer darin, dass mir zu allem hin auch noch richtig schlecht wurde vor Ekel. Nun, ich war bald vor dem Chef der mich gerufen hatte. Ein Riesenkerl von Mann, Lederschürze, Gummistiefel, Achseln wie ein Kleiderkasten……… ich kam mir vor wie das allerkleinste Zwerglein! Der Mann polterte los, ich hätte da eine schöne Bescherung, im wahrsten Sinne des Wortes, angerichtet. Denn ich hätte einen ganzen Ballen besten Herrenstoff in Partien zu 3,50 m zuschneiden lassen! Mir wurde ganz schwarz vor den Augen vor Schreck und ich konnte nur noch stammeln, dass ich nichts anderes tun könne, als so lange gratis zu arbeiten, bis der Schaden behoben sei. Der Chef, Boss mit Namen, schaute von seiner Höhe auf mich herunter, und dann geschah das WUNDER: Er ermahnte mich einfach nur, in Zukunft besser aufzupassen, und ich konnte, unbeschadet, wieder an meinen Platz. Zur grossen Enttäuschung meiner Kolleginnen, denn die erwarteten ein heulendes, zusammen gestauchtes Mädchen, zum Trösten. Ich war für sie doch nur "s'Kleini", denn so nannten sie mich ständig. Aber sie nahmen trotzdem kein Blatt vor den Mund, wenn sie von ihren "heissen Affären" erzählte, ohne daran zu denken, dass ich - s'Kleini - das ja auch alles mitbekam. Hätte man dies zu Hause gewusst, ich hätte sicher rasch kündigen dürfen!

Der Sommer ging vorbei, er war heiss. Auch um die Schweiz herum wurde das Klima heiss, das politische Klima. Es wurde September und es gab Krieg, er begann in Polen. In der Stücki gab es im Moment viel weniger Arbeit, denn es kam immer weniger Ware herein zum Bearbeiten. Unsere Arbeitszeit wurde gekürzt, wir arbeiteten am Stück bis um 14.00 Uhr, dann war Feierabend. Und eine Filiale im Elsass musste geräumt werden, aus eben diesem Grunde. Wir vier Frauen sollten dabei mithelfen und wir sollten uns am Morgen am Grenzübergang bei St.Louis einfinden. Was wir taten. Die Franzosen kontrollierten unsere Papiere, aber meinen italienischen Pass akzeptierten sie nicht und man schickte mir zurück nach Basel. Also hatte ich einen freien Tag. Dann arbeitete ich noch 2 oder 3 Tage, als der Chef erschien und mich und eine Kollegin fragte, weshalb wir noch da seien. Ob wir denn nichts wüssten? Wir verneinten, und dann eröffnete uns der Chef, uns sei doch gekündigt worden.
Und davon hatten wir wiederum keine Ahnung. Jedoch meine Kollegin packte mich resolut bei der Hand und erklärte laut und deutlich, dass wir keine Minute länger hierbleiben würden, unsere Sachen würde uns eine andere Kollegin heimbringen und dann zog sie mich mit sich fort, raus….
Und so fand ich mich draussen wieder, verdutzt und doch ganz glücklich, endlich wieder frei zu sein, was meine Eltern gottlob ebenfalls akzeptierten. Und bis ins Jahr 1944 suchte ich keine Stelle mehr, weder in Basel noch sonst wo. Ich genoss es, einfach zu Hause zu sein, auch wenn der Alltag, wegen des Krieges rund um die Schweiz herum, immer schwieriger wurde.


Erst im April 1944 suchte ich mir wieder eine Stelle und dies dann in einem "richtigen" Bureau. Und nebenher gab es so viel Interessantes in Basel, das musste ich einfach auch miterleben, auch wenn man keine grosse Möglichkeiten hatte, die Nase über die Grenze zu strecken, aber hier war und bieb es trotzdem interessant, das Leben mit all seinem Drum und Dran.


PS. Fotos von demgräslichen Eisenmonster habe ich leider keine gefunden im Internet. Und auch sonst keine privaten Fotos, denn damals war es höchst suspekt, mit einem Fotoapparat herum zu laufen. Man vermutete ja überall "die fünfte Kolonne", resp. Spionnage.

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Erinnerungen an die Basler Stückfärberei 27 Nov 2018 16:37 #2

Mein Vater hat auch in der Stücki gearbeitet bevor er in die Administration an der Uni Basel wechselte.
Wir wohnten in der Wiesenstr.16 gerade beim Brüggli bei der Wiese.
Meine Mama hat als gelernte Couture-Schneiderin alle Stoffe in der Stücki erworben.
Ich hatte Zöpfe und bekam von dort Seiden-Haarbändel.
Mein Vater hatte viele farbige Bändel an seiner Wander-Gitarre.
Ob ich wohl noch Fotos finde?

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Erinnerungen an die Basler Stückfärberei 27 Nov 2018 16:44 #3

Ich habe leider keine Fotos von damals. Aber danke für deinen Bericht, Hat mich sehr gefreut.
Im Moment habe ich Schwierigkeiten mit dem Posteingang, falls ich mich nicht melden sollte, Ciao inzwischen!

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