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THEMA: Schluss von Ochsen etc......

Schluss von Ochsen etc...... 11 Mär 2018 01:41 #1

Der Aufenthalt in meiner Heimatgemeinde, die ich erst jetzt kennenlernte, gestaltete sich für mich sehr abwechslungsreich. Es hatte mir anfänglich zwar nicht so gepasst, mitten im Sommer dorthin zu reisen. Lieber wäre ich zu Hause geblieben mit der Möglichkeit, mit meinen Freundinnen die Nachmittage in einer unserer schönen Badeanstalten mit allen Bequemlichkeiten der damaligen Zeit, zu verleben. Doch, trotzdem ich im Dorf auf den gewohnten Komfort verzichten musste, gab es viel zu entdecken. Da Nonna im Dorf kein eigenes Haus mehr hatte, wohnte sie als Pensionärin im einzigen Gasthaus des Ortes, das auch einige Zimmer vermietete. Dort lebte sie fast wie zur Wirtefamilie gehörend. Und dort waren auch zwei Töchter, beide etwas jünger als ich, und ein Sohn. Für mich hatte Papa ebenfalls dort für drei Wochen ein Zimmer reservieren lassen und er selber nahm für die paar Nächte im Dorf vorlieb mit einem kleinen Kämmerlein, das sonst eigentlich nicht für Gäste da war.

Castelguglielmo ist ein eigenartiges Dorf. Die Häuser und Ländereien die dazu gehören liegen weit herum verstreut. Einen richtigen Dorfkern gibt es gar nicht. Nur einen riesengroßen Dorfplatz Und auch als „Dorf“ sieht es nicht mickrig und eng aus, wie man denken könnte. Im Gegenteil. Alle Häuser stehen sozusagen im Rechteck um den sehr grossen, zentralen Platz herum angeordnet. Abgeschlossen erscheint er an einem Ende, dort wo die Kirche steht, denn von dort aus führt nur eine kleine Strasse weg vom Platz, die man übersehen könnte, sofern man fremd ist. In einer Sackgasse neben der Kirche befindet sich die Apotheke, auf der gegenüberliegenden Seite ein langgestrecktes Haus, das einst ein Landsitz reicher Leute aus Venedig war. Der grosse Dorfplatz ist auf den beiden Längsseiten von Häusern umgeben, die fast alle einen Laubengang haben, und das einzige Gasthaus, wenn man von einer kleinen „Osteria“ absieht, die ebenfalls noch dort ist, war das mittlere Haus auf der einen Längsseite. Auch im Laubengang wurde bewirtet, also konnte man auch bei sehr heissem oder regnerischem Wetter draussen sitzen. Auf der gleichen Seite, am Ende des Platzes, war das Rat- oder Gemeindehaus mit seinem viereckigen Türmchen. Gegenüber, als letztes Haus, eine riesige Villa mit hoher Mauer, ebenfalls ein einstiger Landsitz reicher Venezianer. Und auch der Bäcker und das Lebensmittelgeschäft hatten ihr Domizil in diesen zwei Häuserzeilen entlang dem Platz. Dieser mündete, gegen Norden zu, in einer Brücke, aber bevor er sich wieder verengte war da noch das unerlässliche Monument zu Ehren der Gefallenen des ersten Weltkrieges. Das fehlt in Italien, und auch in Frankreich, in fast keiner Ortschaft, und meist liegt oder hängt daran noch ein verdorrter Lorbeerkratz mit einer Schlaufe in den Landesfarben, die so verwaschen vom Regen und ausgebleicht von der Sonne ist, dass man sie kaum noch erkennen kann.
Sonst hatte es kaum Einkaufsmöglichkeiten im Dorf. Die Metzgerei war etwas ausserhalb und so hatten die Gäste, die sich da im Laubengang zu einem erfrischenden Getränk zusammenfanden, immer schön die Übersicht, was so lief, wer kam und wer ging, denn auch die „Corriera“, der Autobus, der zweimal am Tage zwischen den Dörfern der Umgebung und bis nach Ferrara und Rovigo hin verkehrte, machte seinen obligaten Halt in unmittelbarer Nähe.



Auf diese Busverbindung waren die allermeisten Leute angewiesen, denn nur ein paar wenige Familien besassen ein Auto. Und der Arzt und der Tierarzt. Einige hatten meist immer noch ein Pferd mit Wagen, aber auch davon nur wenige, alle andern hatten ein Fahrrad oder gingen zu Fuss. Der erste Bus ratterte so um sieben Uhr herum los, denn die Lizenz für diese Personentransporte hatte ein Bürger von Castelguglielmo inne. Dann war Pause bis um zirka zwei Uhr nachmittags; erst dann fuhr ein zweiter Bus aus dem Dorfe weg. Zurück kam der erste Bus um die Mittagszeit, der Nachmittagsbus um sieben oder acht Uhr abends. Der Fahrplan wurde am Abend nicht so genau eingehalten. Die Linien wurden aber insofern doppelt geführt, als um die gleichen Zeiten ein zweites Fahrzeug ebenfalls losfuhr, aber in die entgegengesetzte Richtung – eines nach Norden, das andere nach Süden, in die verschiedenen Provinzhauptorte Ferrara und Rovigo. Und auf ihren Wegen machten beide Linien Halt in den nahe an der Hauptstrasse liegenden Dörfern und Weilern, wo sie meist so viele Fahrgäste aufnahmen, dass sie bis zum Bestimmungsort randvoll waren. Fahrgäste waren meist ältere Frauen, immer traditionnel dunkel, d.h. schwarz, gekleidet. Meist einfache Landfrauen, die ein Kopftuch trugen und im Sommer fast ebenso staubig aussahen wie die Wege und das Gras an den Wegrändern, denn die meisten mussten bis dorthin, wo der Bus vorbeikam, noch ein schönes Stück zu Fuss gehen. Auch die Autobusse waren staubig. Grössere Gepäckstücke konnten nicht ins Innere genommen werden, sonst hätten die Passagiere keinen Platz mehr gehabt. Also wanderten die Körbe und Holzkisten aufs Dach, wo sie ungesichert blieben und manchmal in einer Kurve hin und her rutschten. Und natürlich ebenfalls allem Staub der Strasse ausgesetzt waren. Fast an jedem Halt begann die gleiche Prozedur. Der Chauffeur stieg auf das Dach und die Körbe und andern Sachen wurden ihm hinaufgereicht, dort verteilte er sie, stieg wieder hinunter, kletterte auf seinen Sitz und fuhr los. Und im Inneren des Fahrgastraumes herrschte meistens Durchzug, da alle Fenster offen waren. Da die Fenster auch noch Vorhänge hatten, die meist aus grauem Leinenstoff waren und eigentlich durch kleine Laschen an den Seiten gesichert sein sollten, es jedoch nicht waren, flatterten die Enden im Fahrtwind aus den Fenstern und verstärkten so noch den staubigen Eindruck erheblich. Das Dorf und seine Einrichtungen – im Sommer – haben bei mir den Eindruck der verstaubtesten Landschaft hinterlassen, die ich gesehen habe.

Dies hätte ich alles nicht erfahren, wenn nicht am ersten Morgen den ich im Dorf verbrachte, in aller Herrgottsfrühe an meine Schlazimmertür geklopft worden wäre. Es war erst kurz nach sechs Uhr und ich hatte grosse Mühe, die Augen aufzumachen. Ich war noch müde von der langen Reise, die so umständlich gewesen war wegen der spärlichen Transportmöglichkeiten, dass wir dazu zwei volle Tage gebraucht hatten. Vor meiner Zimmertüre stand ein kleines Weiblein mit ganz krummem Rücken. Erstaunt schaute ich es an und wusste nicht, weshalb es bei mir geklopft hatte. Im ersten Moment dachte ich, es wolle vielleicht betteln und sei ins Haus gekommen, ohne dass die Wirtsleute es gesehen hätten. Das Weiblein zog mich zu sich herunter, küsste mich ab und sagte in einem fort: „Oh, dass ich das noch erlebe, das Kind meines „Oscarin“, des Sohnes meines Bruders, zu sehen“! Verständnislos liess ich alles geschehen, konnte mich gar nicht so schnell auf das Gesagte einstellen. Doch da ging die gegenüberliegende Türe auf und Nonna kam daraus hervor, ebenfalls noch im Nachthemd und nur mit einem Tuch um die Schultern. Ihr Gesicht drückte Staunen aber auch Missfallen aus als sie die Szene sah, und herablassend begrüsste sie das Weiblein und gab ihrem Ärger mit den Worten Ausdruck: „Was machst denn du so früh hier im Dorf, Clotilde?“ Und zu mir gewandt meinte sie: „Das ist meine Schwägerin, die zia Clotilde von Papa“ Und fast unhörbar setzte sie hinzu: „L’è matta“! – sie ist verrückt: Das meinte sie aber nur wegen der ungebetenen Störung zu so früher Stunde.

Wohl oder übel mussten wir aufstehen, und auch Papa wurde geweckt. Und auch von ihm kam der gleiche Kommentar: „Was macht denn zia Clotilde mitten in der Nacht hier? Sie ist verrückt!“ Nonna fand als erste wieder ihren Gleichmut, während ich immer noch Mühe hatte, die Augen offen zu halten, und sie raunte mir heimlich zu, ich solle doch meiner Grosstante ein Schnäpschen offerieren, dazu würde sie nicht nein sagen. Also ging ich auf die Suche nach der Tochter der Wirtsfrau, Anna, die dann ebenfalls ihrer Verwunderung Ausdruck verlieh mit vielen: „a quest’ora? roba da matti! mamma mia“! Anna kam mit dem Tablett in der einen Hand, auf dem ein Liquerglas stand, und mit einer Flasche Anisette in der anderen Hand. Sie schenkte der Grosstante ein, und Nonna nickte Anna zu, sie solle die Flasche hinstellen. Endlich kam ich dazu, mich vom Schreck zu erholen und mir zu überlegen, was das eigentlich alles solle. Und auch die andern hatten sich wieder gefasst. Und so stellte sich heraus, dass zia Clotilde gehört hatte, Papa und ich seien im Dorf angekommen. Da sie aber mit den Eiern ihrer Hühner und Enten zu Markte gehen musste, denn das damit verdiente Geld gehörte ihr ganz alleine – sie lebte inzwischen seit langen Jahren und ohne jegliches Einkommen bei einem ihrer Söhne - wollte sie uns baldmöglichst begrüssen und sie hatte Angst, da sie ja wegen der umständlichen Fahrgelegenheiten erst am Abend wieder zurück wäre, uns zu verpassen. Daher der Überfall in aller Frühe. Ich schaute auf zia Clotildes Füsse die nackt waren, und als Nonna dies sah, erklärte sie mir auch sofort, dass fast alle Frauen ihre offenen Sandalen in die man nur lose hineinschlüpfen musste, im Korb oder unter dem Arm eingeklemmt mit sich trugen, und sie erst im Städtchen anzogen, um sie zu schonen.

Zum Einkaufen mussten also alle, wenn sie unter der Woche etwas benötigten was nicht im Dorfe selbst zu haben war, mit dem Bus in eine der umliegenden, grösseren Ortschaften fahren. Am Sonntagmorgen war jedoch Markt im Dorf selber, und der fing schon sehr früh an. Zuerst kamen die Händler mit ihren Karren und Camionnetten voller Waren und stellten ihre Stände auf. Direkt vor der Kirche standen die ersten Brettertische, so dass jedermann und jede Frau, die zur Messe wollte, sich durch die freigelassenen Durchschlupfe zwängen mussten, sofern sie nicht um den ganzen Platz herumlaufen wollten. Das war so ziemlich die Absicht der Marktfahrer, denn kaufen tat ja nur jemand, den es nach den ausgestellten Herrlichkeiten gelüstete.

Man konnte alles haben, sofern das nötige Geld dazu vorhanden war. Haushaltsgeräte, Geschirr, Unterbekleidung, Schuhe, „ciabatte“ – Schlappen – die meistgetragene Fussbekleidung im Sommer. Und da Krieg war und Italien unter allerhand Sanktionen zu leiden hatte, dies zwar auch schon vorher, waren da Materialien zu sehen, über die man früher den Kopf geschüttelt hätte. Zwar hatten wir auch bei uns in der Schweiz schon Sandaletten aus Kork. Aber wenn ich diese Sommerschuhe, mit denen ich hergereist war, mit den italienischen Modellen verglich, dann stellte ich fest, dass zum mindesten die Kreativität und der Ideenreichtum nicht unter dem Krieg zu leiden hatten. Sogar hier, in diesem kleinen Dorf des Polesine wie die Gegend offiziell heisst, wirkten meine geschnürten Sandaletten bäuerisch. Unter all den Waren ragten die überaus vielen Tische mit Stoffballen hervor. Stoffe in allen Variationen: sommerlich leichte und helle, winterlich dicke und dunkle, geblümte, gestreifte, karierte. Aus Wolle, aus Baumwolle, aus Leinen, aus gemischten Materialien, aber alle aus natürlichen Fasern. Es gab noch kein Polyester oder Polyacril, aus dem dann Stoffe mit Namen wie Du Pont, Trevira, Modal und wie sie alle heissen mögen, gewoben wurden. Man trug im Sommer zur Arbeit Baumwollröcke, dickere oder dünnere, und ebensolche Kittel, oder Schürzen über die Kleider. Und im Dorf selber trugen die etwas älteren, verheirateten Frauen meist Aermelschürzen oder Kleider aus sehr glänzendem Baumwollsatin. Brandschwarz, natürlich!
Für den Sonntag hatte man Kleider aus edlem Leinen, und diese waren, im Gegensatz zu den Alltagsröcken, meist einfarbig. Weiss und rosarot und flieder-lila waren sehr gefragte Nuance für junge Dorflady’s

Nonna hatte mich schon vor dem Sonntag darauf aufmerksam gemacht, dass sie mir auf dem Markt einen Stoff kaufen wolle. Ihrer Schneiderin hatte sie auch schon Bescheid gesagt, dass diese dann in der kommenden Woche für mich beschäftigt sein müsse, denn das einzige, was es auf dem Markt nicht zu kaufen gab, und auch in keinem anderen Geschäft in den grösseren Ortschaften der Umgebung, waren Frauenkleider. Die wurden alle von kleinen Schneiderinnen nach den persönlichen Massen der Kundinnen angefertigt, und es hatte unheimlich viel Schneiderinnen. Wenn ein Mädchen kein besonderes Talent oder auch nicht allzugrosse Intelligenz für die Fortsetzung der Schule hatte, so fing es erstmals an zu nähen für eine Bekannte die eine „sarta“ war, eine Schneiderin. Und wenn es genug Kenntnisse erworben und eine Zuschneideschule, oder manchmal auch nur einen solchen Kurs besucht hatte, so fing es auf eigene Rechnung an zu arbeiten und gründete so eine „sartoria“, wo ebenfalls wieder jüngere Mädchen den Beruf sozusagen erlernen konnten. Das war die eine Möglichkeit. Oder, wenn Geld wirklich dringend benötigt wurde, verdingte es sich als Dienstmädchen in die Stadt.




Oder aber, es arbeitete den Sommer hindurch als Landarbeiterin, denn diese zogen, saisonal, zur Erntezeit von einem Landgut zum andern, wobei immer auch eine Dreschmaschine im Hochsommer diesen Arbeiterkolonnen folgte. Wenn das Gut sehr gross war, sogar mehrere. Ein Cousin meines Vaters besass eine solche „trebbiatrice“ eine Dreschmaschine. Wenn wir sie heute betrachten würden ein recht ärmliches, ratterndes und klopfendes Ungetüm, aber für damalige Zeiten ein grosser Luxus. Und so war denn dieser Mann in den Wochen, in welchen das Korn gedroschen wurde, praktisch nie zu Hause. Er kam meist wieder auf sein eigenes Stück Land zurück, wenn es Zeit wurde zur Traubenernte.

Aber vor der Traubenernte und dem „Wein machen“ gab es da noch etwas im Dorf und in der ganzen Region, das wochenlang regelrecht zur Plage wurde. Um all die schönen Leinenstoffe herzustellen, die dann auf den Marktständen überall die Begehrlichkeit der weiblichen Welt anreizte, brauchte es Flachs als Grundsubstanz. Und dieser Flachs wurde ebenfalls in den Sommerwochen des August oder Septemberanfangs geerntet Ich bin weder Pflanzenkenner noch sonstwie Fachfrau irgendeiner stoffverarbeitenden Branche, und ich frage mich ständig, auch heute noch, ob Flachs, den man im Polesine auch „canapa“ nennt , etwas mit dem Hanf zu tun hat, der heute die Gemüter manchmal so erregt, weil gewisse Leute Genuss daran finden, ihn zu rauchen. Ob das nun Flachs oder Hanf war, von dem die Plage ausging, die letztere war gross. Und das kam daher.

Dieser Flachs oder „canapa“ – was immer es auch war – wurde im August, September geerntet. Und bevor er weiterverarbeitet werden konnte, musste er „al macero“, das heisst, er musst irgendwie aufgeweicht werden. In weniger sonnenbschienenen Gegenden passiert das, indem diese Halme auf der Erde ausgebreitet werden und dann über Nacht und am frühen Morgen den Tau aufsaugen. Man nennt dies in der Fachsprache „rösten“. Aber darauf hin will ich mich nicht festlegen; ich habe es im Lexikon nachgeschaut.

Nun, in Castelguglilmo wurde die „canapa“ dem Canal Bianco anvertraut. Sie wurde einfach, so weit das Auge schauen konnte, aufs Wasser gelegt.und beschwert irgendwie wurde das alles auch befestigt damit es nicht davon getragen werden konnte. So war fast das gesamte Wasser von diesen Halmen bedeckt, und dadurch ging erstens ein fauliger Geruch davon aus und dann war es einige Wochen lang die idealste Brutstätte für alle Stechfliegen, Schnaken und Mücken in der gesamten Gegend. Dieses Aufweichen der Flachsfasern im Kanal, wobei auch Mikroorganismen, die sich dort entwickelten eine Rolle spielten, dauert im Schnitt drei Wochen. Und niemand konnte sich vor den Blutsaugern retten während dieser Zeit. Giftig und böse waren sie am meisten, wenn der Himmel bedeckt war und ein bleiernes Aussehen hatte und die Luft direkt stehen blieb.Kein noch so leichtes Lüftchen wehte an manchen Tagen, und man wusste nicht, wie man sich Kühlung verschaffen konnte, denn auch die Ventilatoren in der Gaststätte und im Lebensmittelladen wirbelten nur die stickige Luft von einer Ecke in die andere, ohne sie abzukühlen. Air Condition war ein Wort, das es noch nicht gab. Und so machten auch die Bewohner des Dorfs was alle vernünftigen Menschen in südlichen Ländern noch heute vielfach tun: sie legten sich nach dem Essen auf ihre Betten in den durch die hohen Schlagläden verdunkelten Zimmern und schliefen oder dösten. Bis um vier Uhr nachmittags lag das ganze Dorf im Dornröschenschlaf und während dieser rund zwei Stunden hörte man, ausser der Glockenschläge die die Zeit ansagten, praktisch keinen Laut.

Dann fing das Leben wieder an zu pulsieren. Man hörte hier, wie die Schlagläden aufgestossen wurden, weiter entfernt, wie der Rolladen einer kleinen Bude mit Elan und kreischend hochgezogen wurde, Geplapper aus den sogenannten Gärten hinter den Häusern wo sehr oft noch ein Ziehbrunnen stand der immer noch im Gebrauch war. Im Sommer diente der tiefe feuchte Schacht auch zum kühlen der Melonen und „cocomeri“, wie die Wassermelonen in Italien genannt werden. In der Küche des Gasthauses wurde Grünfutter für die Hühner, Enten, Truthähne und Faraonen-Hühner mit einem grossen Messer auf einem Extrabrett zugeschnitten und fein zerhackt., oder es wurden Eiernudeln für den nächsten Tag vorbereitet, die dann als Suppeneinlage oder als „pastasciutta“ Verwendung fanden. Alle hatten ihre Arbeiten, die erledigt werden mussten, und alles ging praktisch von Hand vor sich. Kein Rührwerk war da, das den Teig selbständig verarbeitete, Ellenbogenöl musste angewandt werden und die Hand war der Knethaken, wie seit eh und je. Wer von den Frauen und Mädchen schon alles am Morgen erledigt hatte was unbedingt sein musste, der hatte nun Zeit, sich mit einer Handarbeit vor das Haus in den Schatten der Lauben zu setzen, zu häkeln, zu sticken oder zu stricken – wobei man immer das Stricken als „far la calza“ benannte, Strümpfe stricken, egal an was man gerade war, ob an einem dreieckigen Schultertuch oder an einem Kleidchen für ein Kleinkind. Und jedes junge Mädchen, das beim Sticken angetroffen wurde, musste zum hundertsten Male die Frage über sich ergehen lassen, ob die Aussteuer nun bald bereit sei. Genau so, wenn eine junge Frau am Stricken war. „Per quando“? lautete da meist die Frage, was soviel hiess, dass der Frager wissen wollte, wann das Kind geboren werde, ob nun bei der werdenden Mutter ein Bäuchlein bereits sichtbar war, oder bei einer jung verheirateten dies nur erahnt und gewusst werden wollte. Meist ergab sich aus solchen Fragen ein lustiges Geplänkel, und dies sogar noch mehr, sobald der „curioso“ oder „ficcanaso“ sich ein Stück entfernt hatte. Ja, neugierig waren die Menschen dort, und sie steckten auch gerne ihre Nasen in die Angelegenheiten anderer Leute. Ich verstand das damals zwar nicht so gut, denn ich wurde zu Hause immer angehalten, mich in nichts einzumischen. Aber dort, in dieser Einöde des heissen und schwer auf dem Lande lastenden Sommers begann ich zu verstehen, dass sich die Menschen mit allem beschäftigten, was neben der Arbeit ein wenig Leben in diese Eintönigkeit bringen konnte, denn fröhlich waren die meisten Leute trotz allem, trotz Krieg, Mangel und bescheidenen Lebensumständen.

Gegen Abend hin fing dann die grosse Plage der Mücken, der „zanzare“ an. Um ihrer Herr zu werden gab es fast gar nichts, das etwas genutzt hätte. Zwar wurden Kegel verkauft, die man auf einer feuerfesten Unterlage anzünden konnte, sogenannte „zampironi“. Diese räuchelten dann still vor sich hin, verbreiteten einen Geruch, der mir jedes Mal ziemlich starkes Kopfweh verursachte, aber überhaupt nichts gegen die Mücken bewirkte. Diese schwirrten nämlich in allernächster Nähe dieser Stinkkegel fröhlich weiter, liessen sich auf nackte Arme und Beine nieder, sogar im Gesicht, und stachen böse drauflos, und schlimm war es des nachts, wenn man schlief. Da merkte man vor Müdigkeit die Stiche nicht, erschien aber am Morgen mit einer Garnitur zerkratzter Stiche. Mich erwischten sie meist auf der Stirne, weil ich das Leintuch aus Angst bis über die Nase zog, und so sah ich am Morgen dann aus, als hätte ich während der Nacht eine Dornenkrone getragen, wie man sie fast auf jedem Heiligenbildchen sehen konnte.

Und ausgerechnet diese Zeit der Flachs-Röste musste ich dort zubringen, denn sie hatte eben erst begonnen. Einen Vorgeschmack davon hatten Papa und ich bereits auf der Hinreise in Verona erlebt, denn die ganze, grosse Region war davon betroffen. Und auch die Hotels konnten sich damals gegen diese Plagegeister kaum wehren. Das DDT war noch nicht entdeckt oder erfunden worden; diese anfänglich als gut gepriesene Substanz wurde erst etwas später von Dr.Paul Müller in Basel, der an seinem Arbeitsplatz als „Fliegen-Müller“ bekannt war weil er andauernd mit Fliegen experimentierte, marktfähig gemacht. Und dies ist kein Witz, denn die Geschichte wurde mir von seiner Tochter, die ich kenne, bestätigt. So musste ich mich denn mit dem von meiner Mutter stets anempfohlenen Mittel behelfen, welches war: „Mach Spucke drauf, dann heilt es“!

Die Zeit verging aber trotzdem viel zu schnell. Ich hatte mich rasch an die veränderten Verhältnisse angepasst und betrieb es wie einen Sport, mich morgens mit kaltem Wasser zu waschen. Anfangs protestierte ich zwar heftig, und so wurde von Nonna veranlasst, dass mir ein Kübel mit heissem Wasser ins Zimmer gebracht wurde. Aber nur zweimal. Erstens war das Wasser, bis es dort war wo es sein sollte, schon erheblich abgekühlt, da es vom Kübel in die Schüssel geleert werden musste, die in einem eisernen Gestell in der Zimmerecke stand. Und zweitens wurde ich davon nicht sauber, eher das Gegenteil. Der Kübel wurde nämlich im „caminetto“ im Kamin, aufgehängt, über dem offenen Feuer, und bis das Wasser warm war, waren auch tausend kleine Russflöckchen drin, die ich mir dann auf den Waschlappen lud um mich damit richtig vollzuschmieren. Sowieso lachten alle, dass ich, um mich zu waschen, einen Lappen brauchte; im Dorf wuschen sich die Leute mit den Händen. Was die Toilette anbetraf, so war diejenige im Gasthaus noch vornehm zu nennen, obwohl man die meiste Zeit im Dunkeln sass, denn oft brannte das Licht nicht, auch wenn man es anknipste. Die Leitungen für die Elektrizität liessen sehr zu wünschen übrig und wurden auch abgestellt, um Energie zu sparen während der Kriegszeit. Und da kein Fenster vorhanden war, sass man auch tagsüber im Finsteren, ausser, man liess die Tür einen kleinen Spalt offen.

Anders war es bei zia Clotilde. Sie wohnte ziemlich weit weg vom Dorf. Man musste dem Canal Bianco entlang, das war der angenehme, schattige Weg, aber das tat ich nur, wenn keine Gänse zu sehen waren, denn der eine Gänserich war ein böser Geselle der gierig nach meinen Waden schnappte. Oder man musste über die heisse, der Sonne gnadenlos preisgegebene Strasse wandern, was erst noch länger dauerte. Immer mit dem Fahrrad wollte ich ja auch nicht unterwegs sein, wenn ich am Morgen schon einen nahrhaften Ausflug in die Umgebung unternommen hatte. Der verlängerte Rücken war das bei mir von zu Hause auch nicht gewohnt!

Als ich dort das erste Mal schüchtern nach der Toilette fragte, ich hatte bei der Besichtigung des Häusleins nur eine Küche, einen bescheidenen Aufenthaltsraum und drei kleine Schlafräume gesehen, führte mich zia Clotilde an eine Türe die sich nach hinten hin zum Land öffnete, und mit einer breitgefächerten Handbewegung meinte sie: „Ecco!!“ – hier, wo du willst. Es war ein komisches Gefühl, so aufs Land ohne Deckung hinauszulaufen und es dauerte lange, bis ich ein Plätzchen ausgewählt hatte, wobei ich mich stets umschaute. Es kam zwar kein Mensch, aber es gackerte bedrohlich nahe, und ich war froh, vor der Ankunft der Hühner das erledigt zu haben, was zu erledigen war.

Im Hause von zia Clotilde habe ich zum ersten Mal so richtig gesehen, wie bequem wir es hatten, im Gegensatz zu den Menschen, die weitab von den immer häufiger werdenden modernen Einrichtungen leben. Da gab es nichts von alledem, was für mich selbstverständlich war. Die Toilette habe ich schon erwähnt. Das Wasser musste aus dem Brunnen mit einem Kessel und einer Handwinde heraufgeholt werden. Elektrisches Licht gab es dort ebenfalls nicht. Man musste eine – wohl grosse - an der Decke angebrachte Hängelampe mit einer speziellen Flüssigkeit füllen. Es war kein Petroleum, es war eine spezielle Flüssigkeit, mit der man auch die Dreschmaschine antreiben konnte. Aber die Flüssigkeit für die Lampen war teurer als jene für die Landmaschinen, und damit da keine Geschäftchen gemacht werden konnten, hatte die Flüssigkeit für die Lampen eine spezielle Farbe, so rötlich, wie ganz heller Wein. Und das konnte von jedermann nachkontrolliert werden, was da in den Lampen half, die Finsternis zu überwinden. Die einzige Hilfe in der Küche war ein Gasrechaud, und das wurde durch Butagasflaschen gespiesen. Davon stand meist auch eine Ersatzflasche in einer Ecke, damit man nicht am Sonntag ohne Möglichkeit zum Kochen war. Das waren aber keine Flaschen wie wir sie gewohnt sind, man sagte ihnen auf italienisch auch nicht Flaschen sondern „bombole“, und dabei kamen mir immer Bomben in den Sinn. Daher betrachtete ich diese Dinger, die aussahen wie man sich heute kleine Raketen vorstellt, immer mit grossem Argwohn. Immer weit weg vom Geschütz, als könnten sie von einem Moment auf den andern explodieren.

Da es in jenen Jahren in Italien auch keinen Bohnenkaffee mehr gab, was wohl eine der grössten Strafen für die Menschen dieses Landes war, behalf man sich mit einer Art Erbsen „ceci“ genannt. Diese Erbsen wurden in eine Kugel gefüllt, die man aus zwei Hälften zusammenschrauben konnte. An einem sehr langen Stiel wurde diese Kugel im offenen Kamin im Feuer so lange hin und hergeschüttelt, bis der Inhalt anfing zu riechen und einigermassen geröstet aussah. Davon braute man dann einen Kaffee. Wer den heutigen italienischen Espresso kennt, kann sich lebhaft vorstellen, was für ein Gebräu da herausgekommen ist. Das war aber nicht nur in den ländlichen Haushalten so; auch in den gewerblichen Cafés gab es die meiste Zeit nichts Besseres. Als wir am zweiten Tag, noch nicht im Dorf angekommen, in der nahen Kreisstadt auf den Abendbus warten mussten – von nachmittags drei Uhr bis gegen sieben Uhr - blieb uns auch nichts anderes übrig, als unsere Zeit mit der Besichtigung des Sanktuariums zu verbringen, das dort sehr bekannt ist. Damit wir jedoch nicht unsere Koffer mitschleppen mussten, stellten wie sie im Caffè Centrale ein, das Papa schon von seinen früheren Besuchen her kannte. Und natürlich bestellten wir vorher noch den obligaten schwarzen Trunk. Wir wurden gefragt, ob wir ihn „al naturale“ oder „corretto“ wollten. Da wir vom subtilen Unterschied keine Ahnung hatten, bestellten wir den „naturale“. Entgeistert starrten wir uns an nach dem ersten Schluck. Der Kellner, der unsere Gesichter beobachtet hatte, stand aber schon bereit mit einer Flasche Anisette Liqueur und meinte lächelnd, er habe ja gefragt, ob er den Kaffee korrigieren solle. Von da an war und dieses Procedere klar, und in diese Erbsenkaffeefalle sind wir nie mehr gefallen!

Das im wahrsten Sinne nahrhafteste Erlebnis mit einem Tier, einem Ochsen, hatte ich aber gleich zu Beginn meines Aufenthaltes. Auch Fleisch war rar in jenen Tagen. Und damals hielt ich vom Vegetarismus noch nicht so viel wie heute. Ich verzichte zwar nicht ganz auf Fleisch, habe aber meinen Konsum – der Tierwelt zuliebe – in den letzten Jahren drastisch gesenkt. Wenn ich Gemüse gern essen würde, könnte ich sogar wahrscheinlich auf das Fleisch ganz verzichten.

In der Nacht vor unserer Ankunft im Dorf hatte es ein sehr heftiges Gewitter gegeben, dem, wollte man den Leuten glauben, auch ein mächtiger Ochse zum Opfer gefallen war, durch Blitzschlag. Und so gab es denn während vieler Tage Extrarationen Fleisch. Der Tierarzt, der mit Nonna guten Kontakt pflegte, weil er ihre Familie schon seit eh kannte, hatte ihr versichert, das Tier – er habe es untersucht – sei bestimmt nicht krank gewesen und, wenn sie es nicht weitersage, sei es auch nicht durch die „saetta“ umgekommen, diesem Blitzschlag, dem seiner Meinung nach ein paar schlaue Füchse samt dem Metzger ziemlich nachgeholfen hätten.

Nun, nach meiner heutigen Erkenntnis von der Schöpfung und allen ihren Reichen, inklusive des Tierreiches, bin ich der Auffassung, dass es auch innerhalb desselben universelle, ewige Gesetze gibt, denen auch die Tiere nachleben müssen. Und wer weiss, ob nicht das Gesetz, das dort waltet, auch Opfer der Tiere zu Gunsten der Menschen zulässt, in gewissen Situationen. Daher sollten wir auch den Tieren gegenüber fair sein und sie nicht ausnützen und nur zu unserer Befriedigung und Bereicherung in teilweise tierunwürdigen Verhältnissen halten und als Massenware züchten. Das sind wir ihnen schuldig und ich möchte das rabenschwarze Schicksal so mancher Tierschinder bestimmt nicht irgendwo und irgendwann einmal teilen müssen.

Der Schöpfer beschütze alle Tiere - und uns davor, an ihnen schuldig zu werden, sofern wir die richtige Einstellung dazu finden können.

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Letzte Änderung: von rinifoto.

Schluss von Ochsen etc...... 18 Mär 2018 15:37 #2

Das war wieder sehr spannend !

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Schluss von Ochsen etc...... 18 Mär 2018 19:13 #3

Liebe reni,
danke für das wunderschöne Blumenherz und für Deine lieben Worte!

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