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THEMA: Fortsetzung I von Ochsen......

Fortsetzung I von Ochsen...... 10 Mär 2018 02:30 #1

Auch vor den ganz netten und lieben, geduldigen Eseln habe ich Respekt. Und auch bei ihnen hielt ich immer, so gut es ging, Abstand. Als ich das erste Mal in unserem Dorf in der Po-Ebene war, bei Nonna, die ihre letzten Lebensjahre dort verbringen wollte wo sie geboren wurde, machte ich fast jeden Morgen eine Ausfahrt mit dem Fahrrad, zusammen mit den Mädchen eines unserer Verwandten. Im Dorf selber war am Vormittag nicht allzu viel los. Italien befand sich auch schon im Krieg, die Kämpfe fanden zu jener Zeit aber noch nicht im Lande selbst statt, ausser der nächtlichen Bombardements einiger Städte, sondern immer noch in Afrika, in Griechenland, und an der Westfront. Die jungen Männer waren eingezogen. Und da ich sowieso jeden Nachmittag mit Nonna eingeladen war, die mich allen näheren Bekannten gewissermaßen „vorführte“, und ich dort wohlerzogen herumsitzen musste, benutzten die Mädchen die Vormittage um mir die Gegend zu zeigen. Und diese war flach wie ein Teller. Ziemlich eintönig. Keine Bäume! Maisfelder und Reisfelder und Kornfelder. Auch nicht irgendwie bunt, alles war in den Farben zwischen staubigem grün und staubigem gelb gehalten. Grau überschleiert schien mir alles, denn auch ein Gewitter mit Regen konnte diese Staubigkeit nicht bannen, höchstens für einen oder zwei Tage mildern. Nichts überragte diese Landschaft, kein Kirchturm, geschweige denn ein kleiner Hügel. Und, was mich sehr erstaunte, in der ganzen Region waren die Kirchtürme extrem niedrig. So konnte ich mir nie ausrechnen, wann wir in der Nähe eines Dorfes waren, denn nichts deutete darauf hin, bis wir fast schon mitten drin angelangt waren.



Hier will ich schnell einflechten, dass die Gegend, die hier beschrieben ist, POLESINE heisst. Land zwischen zwei Flüsse, im Norden die Etsch, im Süden der Po. Nahe am Meer, etwas unterhalb Venedig, beim Po-Delta. Dort sind auch die bekannten Valli di Comacchio, Jagdgebiet früher. Heute ist alles modernisiert und man erkennt diesen Landstrich kaum wieder.

Meine Begleitrinnen hatten in jedem Dorf eine Menge gleichaltrige Bekannte, und da ich für die so etwas wie ein fast exotisches Tier war, kam ich doch von der nördlichen Ecke der Schweiz wo die Grenze zu Frankreich und Deutschland hart an der Stadt in der ich wohne, vorbeiführt, wollten mich alle kennen lernen. In jener Zeit war es für normale Italiener fast unmöglich, ausser Landes zu gehen und Neuigkeiten vom Kriegsgeschehen erfuhren die Leute nur per Radio und Zeitung, aber sie glaubten nicht alles, was ihnen da vorgesetzt wurde. Und die weitere Entwicklung der Lage hat ihnen nachträglich auch recht gegeben.

Wenn wir weiterfuhren, gesellten sich in jedem Dorf ein paar Mädchen zu unserer Velokarawane, sodass wir bald die Stärke einer Schulklasse erreichten. Singend, lachend und erzählend zogen wir auf diesen staubigen, und gegen Mittag in der Hitze flirrenden Strassen der Po-Ebene dahin, wobei vor unseren Rädern andauernd Eidechsen aufgeregt davonrannten, die in ihrem Dösen in der Hitze aufgeschreckt wurden. Und immer hatte ich auch bei diesen anmutigen Tierchen das Gefühl, sie seien ebenfalls staubig. Wenn wir in unserem Dorf über die Brücke fuhren, um auf der anderen Seite des Canale Bianco entlang zu pedalen, begegneten wir auf jenem Strassenstück andauernd Bauern, die hochaufgetürmte Karren voller Zuckerrüben in die Zuckerfabrik, die einige Dörfer weiter entfernt war, fuhren. Und sogar diese Rüben hatten die Farbe des Staubes, waren sie doch von Natur aus grau-beige. Meist wurden diese Karren von Ochsen gezogen. Ich hatte grosses Mitleid mit diesen kräftigen Tieren, denn sie waren ins Joch gespannt, und das kannte ich aus unserem Lande eigentlich nicht. Hier, um Basel herum, habe ich nie Ochsen gesehen, die so eingespannt waren, jedenfalls nicht in unserer Region. Die kannten wir nur vom Lesebuch her. Aber auch manch ein kleines, mageres Eselein musste mithelfen, wenn keine kräftigen Ochsen zur Verfügung standen. Diszipliniert wurde nicht verkehrt auf diesen ländlichen Verbindungswegen, die kaum je ein Automobil sahen. Jeder fuhr wie es ihm gerade passte: rechts oder links oder in der Mitte, das spielte kaum eine Rolle, ausser beim aneinander vorbeifahren. Da musste man schon zum Voraus ahnen, ob der Karren beim Überholen, nachdem man laut um Platz geschrieben hatte, nach rechts oder nach links ausweichen würde. Meine routinierten und couragierten Begleiterinnen fuhren einfach mitten hinein, irgendwie würde es schon klappen, während ich „la Svizzera“ wie mich alle nannten, eher an Disziplin gewohnt war und auch hier daran festhalten wollte. Es wurde geschellt mit den heiseren, krächzenden Fahrrad-Klingeln, aber zumeist wurde einfach laut gerufen oder geschrien und alles noch mit den verschiedensten Kommentaren versehen, wie: „Pass doch auf“ oder „Kannst du nicht auf deiner Seite bleiben“, wobei meist die Antwort kam: „Bleib du lieber selbst auf deiner rechten Seite!“

Die Strassen in der Po-Ebene, auf dem Lande, heben sich von den tiefer liegenden Feldern ab und sind fast alle von Gräben gesäumt. Teilweise sieht man diese kaum. Aber sie sind da. Sie liegen ziemlich tief unterhalb der Strasse und sind auch selber ziemlich tief. Grund dafür ist, dass das Strassenstück aufgeschüttet wurde, zum Schutze vor Hochwasser. Da an den Rändern hohes Gras und alles möglich an Unkraut wucherte, wusste ich nie so genau, wo noch fester Grund und Boden war. Und so passierte es einmal, dass ein Esel so lange in der Mitte der Strasse mit seiner schweren Last die er ziehen musste, dahin trabte, dass ich glaubte, ungefährdet, wie alle andern, auch einmal rechts überholen zu können. Doch gerade als ich mich tüchtig in die Pedale reingehängt hatte, um „Schuss“ zu bekommen auf diesem topfebenen Land, machte der Esel ziemlich rapide Seitenschritte und ausgerechnet nach rechts, wo ich gerade am Überholen war. Blitzschnell musste die Entscheidung fallen: Entweder ganz dicht am Esel in Tuch- respektive Fellfühlung vorbei, oder im Graben bei den Quakfröschen und noch schlimmerem Getier landen! Ich wählte den Esel. Aber die Momente, wo mein nacktes linkes Bein sich sozusagen am Eselsbauch rieb ..... ein unbeschreibliches Schreckgefühl. Auch weil ich erwartete, vom sicher ebenfalls erschrockenen Tier einen Tritt zu bekommen, den legendären Tritt des Esels sozusagen.

Wenn wir auf der linken Seite des Canal Bianco, der auf der Landkarte auch als Tartaro teilweise angegeben wird, Richtung Osten, Ferrara zu fuhren, mussten wir uns sehr lange auf der gleichen Strasse fortbewegen, um zu einer Möglichkeit, das Wasser zu überqueren, zu kommen. Die Brücken waren weit auseinander, die nächste war vom Dorf , aus dem wir kamen, über zehn Kilometer weit weg. Aber bevor wir auf Pincara stiessen , wo wieder eine solche gewesen wäre, konnten wir auf einer lustigen Einrichtung ans andere Ufer gelangen. Das war der „Passo“ eine Passiermöglichkeit. Da waren ein paar kleine Boote – ich glaube, es waren zwei Stück, zusammengebunden und darauf hatte man Bretter genagelt, so dass sich eine ebene Fläche ergab. Über den Kanal war ein starkes Seil gespannt, das irgendwo an den Ufern befestigt war. Ein winziges Häuschen war ebenfalls auf diese Plattform montiert. Dort hauste tagsüber, wenn es regnete oder kalt war, der Fährmann.



Kam man ans Ufer und döste er irgendwo im Gras auf der anderen Seite des Wassers, musste man Geduld haben und sehr laut rufen, bis man ein Lebenszeichen von ihm bemerkte. Manche Leute sagten von ihm, er sei schwerhörig von Natur aus, andere, er täte nur so, und wieder andere meinten, er habe wohl eine „ombretta“ zu viel getrunken. So nannte und nennt man in dieser Gegend die gebräuchlichen, kleinen Weingläser. Gemächlich begab sich dieser Fährmann, dem auch viele „Caronte“ sagten wie dem mythologischen Fährmann, der die Toten über den Styx ins Jenseits fährt, auf seine Plattform, fasste mit beiden Händen das gespannte Seil und zog, laufend, dieses singuläre Transportmittel von einem Ufer zum andern. Dort lud er die Passagiere samt ihren Fahrrädern und allem, was sie sonst noch mit sich trugen auf die Plattform und nun – schwer am Seil ziehend und die Füssen anstemmend – zog er die ganze Last durch das träge dahinfliessende Wasser wieder ans andere Ufer zurück. Je nachdem um welche Tageszeit man diesen „passo“ benutzte, stand man dicht gedrängt. Halten konnte man sich nur auf einer Seite, wo ein kleines Holzgeländer angebracht war. Wer nicht dort stehen konnte, der hielt sich am Fahrrad oder am Nachbar fest, wenn es nötig war, oder er balancierte einfach auf beiden Beinen mit den Bewegungen des „passo“ hin und her.

Ganz am Anfang meines Aufenthaltes in Castelguglielmo, als Papa noch bei uns im Dorf weilte, hatten wir diese Fahrt mit dem Velo auch schon gemacht, weil auch er diesen lustigen Übergang über den Kanal wieder einmal erleben wollte. Und Papa machte mich darauf aufmerksam, ich solle dann aufpassen, wie der Fährmann erstaunt sein werde ob dem, was dann vor sich gehe. Als wir nämlich am andern Ufer landeten, tat er so, als wolle er die Plattform verlassen ohne zu bezahlen. Der arme Kerl machte zuerst grosse Augen, dann rannte er hinter uns her. unschlüssig, in welcher Sprache er sich uns wohl verständlich machen konnte, denn Papa hatte mit mir auf der kurzen Überfahrt in unserem schweizer Dialekt gesprochen. „Oi, oi, scior, scior, e pagare? Bisogna pagare!“ Fragend schaute er uns an, ob wir wohl wüssten, was er meinte, und er rieb demonstrativ Daumen und Zeigefinger gegeneinander. Papa blieb stehen und fragte im schönsten Veneto zurück: „Eh, eh, seit wann muss denn ein Bürger von Castelguglielmo bezahlen? Für uns ist doch der Transfer frei!“ Das war wirklich so, denn die Gemeinde kam für diesen Dienst für ihre Bürger auf. Nur Leute, die aus andern Gemeinden stammten, und Fremde, bezahlten etwas dafür. Ungläubig starrte uns der Fährmann an. Da zog Papa zum Beweis seinen Pass aus der Tasche, in dem auch ich noch eingetragen war, denn ich war ja noch nicht volljährig und hatte kein Anrecht auf einen solchen. Der Fährmann machte grosse Augen, zog sich einen Schritt zurück und wusste vor Verlegenheit nicht, was er sagen sollte. Und so fing er an, sich unter Bücklingen zu entschuldigen. Wir fingen an zu lachen und Papa zog ein Zweilirestück aus der Tasche. Das war damals eine fürstliche Bezahlung für das Übersetzen von zwei Personen, gaben doch die meisten Leute „quattro soldi“, ein gebräuchlicher Ausdruck für ein paar Rappen oder Groschen.

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