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THEMA: Von Pferden, Ochsen und Eseln (in Fortsetzungen)

Von Pferden, Ochsen und Eseln (in Fortsetzungen) 03 Mär 2018 15:51 #1

Begegnungen mit Pferden, Ochsen und Eseln.

Vor Pferden, die so schön sind und die ich recht gerne habe, halte ich Abstand. Aus Angst. Unerklärlicher Angst, denn ich weiss nicht, weshalb ich mich keinem solchen Tier nähern kann. Fluchtbereit kann ich nicht stillstehen, egal, wo ich mich gerade befinde. Eigentlich wüsste ich gerne, wo diese Angst ihren Ursprung hat, vielleicht in einer früheren Existenz. Darüber habe ich schon oft sinniert und phantasiert, habe mir alle möglichen Szenarien und Situationen vorgestellt, von denen ich gehört und gelesen habe; die ich im Kino, voll gespannter Aufregung mitgelebt habe. Von den wilden Reiterhorden des Dschingis Khan bis zum Erzengel Michael, der in Flandern, bei Ypern, mit seiner reitenden himmlischen Engelschar in den Kampf eingegriffen und den Ausgang der Schlacht gewendet hat.

Soweit ich mich zurück erinnern kann, zwischen mir und Pferden muss so etwas wie Ambivalenz bestehen. Zwar nicht genau dem Sinne des Wortes nach, an Stelle von Hassliebe setze ich Furchtliebe. Das fing schon bei den Besuchen der alljährlich im Herbst stattfindenden Messe an. Zum Teil ist dies eine Warenmesse, zum andern jedoch auch eine Volksbelustigung. Alle Arten von Fahrgeschäften und Schaustellern kommen für diese zwei Wochen in die Stadt und verteilen sich auf verschiedenen Plätzen. Früher, als nur wenig Buden und Karussells sich das Geschäft teilten, war alles mehr zusammen. Nur die Warenmesse fand auf separatem Platz statt. Und was man da alles von redegewandten Marktfahrern zu hören bekam, war oft so lustig, dass sich um einzelne Verkaufsstände ganze Völkerstämme drängten. Damals waren die technischen Möglichkeiten der verschiedenen Bahnen noch ziemlich bescheiden. Einzig die Achterbahn sieht auch heute noch fast genauso aus wie in den Zwanzigerjahren. Es ist immer noch der gleiche Aufbau, der so aussieht, als würde er aus Meccano-Einzelteilen zusammengesetzt. Sogar mit Manneskraft wurden kleine Karussells noch betrieben, das habe ich noch unter Staunen erlebt.

Die Karussells für kleine Kinder konnte man an den Fingern einer Hand aufzählen. Eines war mit Fahrrädern verschiedener Grössen bestückt, und dieses sah am wenigsten bunt und lustig aus, da Fahrräder ja funktionell sein mussten, eines war wirklich nur für Kleinkinder, und da haben die Hersteller in ganz bunten Farben geschwelgt. Ein Schulkind hätte da nicht hineingepasst in die kleinen Feuerwehrwagen und Flugzeuge. Eines war eine sogenannte Raupenbahn, die in Schräglage rundherum sauste, sich für eine oder zwei Minuten zudeckte mit einem grünlich gescheckten Stoff. Das funktionierte wie ein Riesenschirm und sah dann von Aussen wirklich wie eine Raupe aus. Viele Mütter benutzten diese Bahn am Tage mit ihren Kindern, um sich selber eine Freude zu gönnen, sich aber auf das Begleiten des Kindes hinausreden zu können. Am Abend wurde diese Bahn von den Liebespärchen rege benutzt, die unter dem Raupentuch ein paar schnelle, gestohlene Küsse austauschen konnten. Man hätte nicht getraut, sich auf der Strasse öffentlich zu küssen und zu umarmen und fast noch zu schmusen, wie das heute gang und gäbe ist. Ich wage aber zu behaupten, dass jene gestohlenen Küsse die „süsseren“ waren, als die heute öffentlich praktizierten!

Und da gab es auch ein Karussell mit Pferden – eine Rösslirytti – wie diese in der Schweiz meist genannt wird. Dort trieb eine einfache Mechanik einen Boden, auf dem, in Zweierreihen, viele Holzpferdchen ringsum gedreht wurden, die ständig mit dem gleich starren Augen- und Gesichtsausdruck, mit halbgeöffnetem Maul, geradeaus blickten. Die Pferdchen waren weiss und gescheckt, braune tauchen in meiner Erinnerung nicht auf. Dazwischen platziert waren zwei komische runde Gebilde, mit dunkelblauem Samt und Perlenstickerei ausstaffiert, in die man sich setzen konnte, und die zusätzlich noch um die eigene Achse gedreht werden konnten, wenn man darin sass. Auch mit dunkelrotem Samt gab es diese sogenannten „Kutschen“ Das Ganze war teilweise in den buntesten Farben gehalten, wie alles auf der Messe, auch die Glühbirnen waren teilweise farbig, würden sich aber sehr ärmlich ausnehmen im Vergleich mit dem heutigen Neon- und sonstigen, elektronischen Lichterglanz, der einem fast „blind“ macht. Und die Musik dröhnte von überall auf die Ohren ein, dass man davon halb sturm wurde. Wenn Papa dann einmal ein paar Rappen für eine Karussellfahrt springen liess, was er jedoch selten tat da dies für ihn „Mumpitz“ war, sollte ich mich immer auf ein solches Holzpferd setzen. Ich wäre jedoch lieber zu den Fahrrädern gegangen und auf ein solches gestiegen, denn man konnte da richtig pedalen, auch wenn man an Ort und Stelle blieb. Um nicht die Fahrt aufs Spiel zu setzen schwang ich mich jeweils, nach grosser Überwindung, auf so ein tristes starres Holzpferd, dass mir trotz seiner Leblosigkeit Schrecken einflösste, und ich hielt mich ganz krampfhaft an den Griffen fest, die zu beiden Seiten des Kopfes angebracht waren. Ganz am Ende des Vergnügungsplatzes gab es auch noch richtige Ponys, auf denen Kinder reiten konnten. Der Platz dafür war abgesperrt, aber ich hielt mich dort immer hinter meinen Eltern auf, und die brauchten keine Angst zu haben, dass ich um einen Rund Ritt gebeten hätte.

Auf dem Bauernhof meiner Grossmama war es, nach dem ersten total misslungenen Versuch mit dem Pferd meines Onkels zurecht zu kommen, nicht so schwer, diesen auszuweichen. Frei herum lief dort keines. Entweder waren sie im Stall an ihren Plätzen angebunden, oder sie waren gar nicht da. Sie arbeiteten. Manchmal auf dem Acker, aber meist auch als Fuhrpferde. Eines war sogar regelrecht von der Stadt angestellt, vom Baudepartement. Es trottete mit einem Karren, den einer meiner Onkel fuhr, jeden Morgen hinter den Strassenwischern her. Seine Gangart war der Arbeit dieser Männer angepasst und es brauchte nicht einmal anzuhalten, wenn wieder eine Schaufel voll Dreck in den Karren abgeladen wurde. Gewischt wurden die Trottoirs und die Rinnen auf beiden Strassenseiten, wie auch heute noch, damit der Regen gut in die Dolen ablaufen konnte, aber heute zuckelt kein Pferdeschnappkarren mehr hinterher. Fast alle diese Arbeitspferde waren braun, einige vielleicht etwas rötlich, aber weisse Pferde habe ich da nie gesehen. Ausser bei der Post. Dort gab es mindestens einen Schimmel, der absolvierte seine Tour im Stadtteil, in dem wir damals wohnten. Er brachte aber nur die Paketpost, wie wahrscheinlich überall in jenen Jahren. Wenn wir Kinder diesem Schimmel begegneten, waren wir jedesmal freudig überrascht denn es hiess, dies bringe Glück. Und schnell machten alle die haargenau gleichen Bewegungen, um das Glück festzuhalten, wie wir meinten: Wir netzten den Daumen am Mund, berührten dann damit des innere der Handfläche und schlugen zum Schluss mit der zur Faust geballten Hand noch darauf, genau gleich, wie in der Post selber die Briefe abgestempelt wurden.

Auch die Milchmann-Pferde hatten keine schnelle Gangart, ausser wenn es, nach getaner Arbeit, heimwärts ging. Aber einmal passierte es, dass ein solches Pferd wahrscheinlich erschrocken ist und anfing, wie wild zu galoppieren, als es in die Strasse einbog, in der Mama und ich uns gerade befanden. Der Milchmann riss an den Zügeln, er schrie und fluchte, aber dies nützte überhaupt nichts, das wildgewordene Fuhrwerk donnerte unbeeinflusst weiter. Auf der Strassenseite auf der wir uns befanden waren keine Häuser, nur eine lange und hohe steinerne Mauer, im langweiligen grau die ebenfalls einen Fuhrpark für Möbelwagen beherbergte. Keine Toreinfahrt war da, diese befand sich schon weit hinter uns, an der Ecke der Strasse. Mich durchfuhr ein riesiger Schrecken, denn nirgends sah ich eine Rettungsmöglichkeit. Ich raste von Mama weg, noch vor dem herannahenden Gefährt rannte ich über die Strasse und floh zu einer der wenigen Haustüren, die mir Schutz zu bieten schienen, weil dahin ein paar Treppenstufen führten und ich dachte, dass Pferd und Wagen wohl kaum dort hinkommen konnten. Mama schrie laut auf, als sie mich so davon stürmen sah. Aber von meinem nun sicheren Hort aus bemerkte ich trotz meiner Angst, dass sie sich ebenfalls ausgeliefert vorkommen musste, denn sie drückte sich platt an die lange und hohe Mauer, bis die Gefahr vorbei gepoltert war. Danach schimpfte sie umso lauter mit mir, weil ich so unüberlegt, wie sie meinte, gehandelt hatte.

(Diese Tatsachen sind teilweise in meinen Geshichten auch schon vorgekommen, aber in der nächsten Fortsetzung entführe ich die Leser in die Po-Ebene unterhalb Venedig, zu meinen Wurzeln. Mein sog.Heimatdorf habe ich selbst auch zum ersten Mal im Jahre 1941 besuchen können - es war schon Krieg und ich war schon 19 Jahre alt, als ich meine iim Jahre 1939 dorthin zurück gekehrte Nonna besuchen konnte. Sie wollte in ihrer Heimat sterben und ist deshalb damals zurück gegangen).

So sah damals dieses Dorf noch nicht aus. Es hatte nur vereinzelte Autos, die man kaum zu Gesicht bekam. Und meine alten Fotos von damals müsste ich suchen. Wahrscheinlich sind sie sogar ganz entschwunden!!

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Letzte Änderung: von Erica.
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