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THEMA: Lux der Kellerhund.

Lux der Kellerhund. 11 Jan 2018 22:29 #1

LUX, der Kellerhund.

Lux war der Hund meiner Tante Elsa und ihres Mannes Robert. Mittelgross, kräftig gebaut, von rotbrauner Farbe, und es konnten alle möglichen Arten an seinem Stammbaum beteiligt gewesen sein. Etwas Genaues war da nicht auszumachen. Wenn es nach dem Geruch gegangen wäre, hätte man sogar befürchten müssen, ein Stinktier sei auch daran beteiligt gewesen. Der arme Lux roch so eigentümlich und penetrant, und ich wusste gar nicht, wie ich den Geruch richtig definieren konnte: Eine Mischung aus ranziger Schuh- und Bodenwichse, Leder und verdreckter Arbeitskleidung, und eben – Keller, Feuchte und Schimmel!

Da Lux nie mit ausgehen durfte, habe ich ihn auch nie im Neuhof, bei Grossmama, gesehen. Nur die wenigen Male, als wir zu Besuch bei der Tante eingeladen waren. Und einmal zwei Wochen am Stück, als Mama mich, auf Drängen ihrer ältesten Schwester, zu ihr in die Ferien gebracht hatte. Alles Bitten und Weinen nützte nichts. „L’è muss“, meinte schlussendlich auch Nonna, die sich mit mir gegen diese Verbannung vergebens gewehrt hatte. Und Papa wusch sozusagen seine Hände in Unschuld! Mama wiederholte nur immer wieder: „Weißt du, Elsa hat kleine Kinder so gern!“ Ja, Kabis und Käuzchenmist! Regenten und befehlen und am allermeisten verbieten. Das waren die Maxime, nach denen bei Tante Elsa gelebt werden musste. Und – riesengross geschrieben – GEHORCHEN.

Schon sehr früh, als Onkel Robert heil und gesund aus dem ersten Weltkrieg in die Schweiz zurückgekehrt war – als damaliger Deutscher war er die ganzen Jahre in Flandern und in Frankreich – kaufte er in einem Vorort der Stadt ein kleines Häuschen. Zwar hatte er von da an einen sehr weiten Weg zu seinem Arbeitsplatz, den er meist mit dem Fahrrad zurücklegen musste, da um diese frühe Morgenstunde keines der damals noch spärlichen öffentlichen Verkehrsmittel verkehrte, aber er hatte erreicht, was er sich sehnlichst wünschte: die eigenen vier Wände.

Klein war das Häuslein, eigentlich ein Zwilling, denn es war mit einem genau gleichen, spiegelverkehrt, erstellt und zusammengebaut worden. Alles, was beim Onkel links war, war beim Nachbarn rechts. Und um das Haus herum hatte jeder auf drei Seiten ein schönes Stück Garten zum Bepflanzen nach Lust und Laune. Und da war die Tante Elsa in ihrem Element: sie säte und setzte Gemüse, Salate, Stangenbohnen, alles möglich, und Suppengrün! Petersilie, Sellerie, Lauch und Rübchen. Das Wort Suppengrün wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Blumen wurden nur sehr sparsam gepflanzt; ein paar Stauden und Büsche, winterhart, die man weder besonders pflegen noch schützen musste. Dicht an den Hauswänden entlang, denn dort wäre nichts anderes gediehen. Und an der Seite zu Nachbars Garten hin schlangen sich Kürbisse und Gurken, mit ihren geringelten und sich verzweigenden Ausläufer ineinander. Der reinste Urwald war das, dem Boden entlang und am Gitter, das als Trennwand zwischen den Gärten diente, der sich da hochrankte.

Dort war Lux zu Hause. Im Keller die allermeiste Zeit. In die Wohnung durfte er selten, und wehe, er wäre je die Treppe zu den Schlafräumen hochgerannt! Aber als ich dort, diese vierzehn Tage, in diesen verflixten Ferien ausharren musste, habe ich der Tante die Ohren so voll posaunt, indem ich dauernd nach Lux fragte und einfach selber in den Keller hinabstieg, dass der arme Hund nun doch auch manchmal „oben“ sein durfte. Aber nur in der Wohnküche, oder bei mir vor der Haustüre, wo mich die Tante hinsetzte, wenn sie mich, um vier Uhr nachmittags, mit einer riesigen Brotschnitte dick mit Butter und selbstgemachter Marmelade bestrichen, hin orderte. Dort musste ich bleiben, bis ich fertig gegessen hatte. Ich mochte aber Butter nicht, so wenig wie Milch. Mir wurde regelmässig schlecht davon. Jeden Tag bat ich die Tante, doch die Butter wegzulassen, aber mir schien, dass sie jeden Tag mehr davon aufs Brot strich. Und ständig öffnete sie die Türe, um zu kontrollieren, ob ich noch nicht fertig sei. Ich war es nie, da ich, nachdem ich den harten Rand ohne Geschmier verzehrt hatte, die pappige Butter-Marmelade-Mitte in den Fingern drehte und wendete, da nicht einmal Lux mir den Gefallen tat, dieses Geschlappse für mich hinunterzuwürgen. Und manchmal sass ich immer noch dort, wenn der Onkel, der früh Feierabend hatte, weil er ja so früh beginnen musste, von der Arbeit zurückkehrte. Lustlos versuchte ich, fertig zu werden!

Aber Not macht erfinderisch. Nach ein paar Tagen fragte ich, ob ich mit Lux am Bächlein, das neben dem Haus vorbeifloss, spazieren dürfe. Und – oh Wunder – es wurde mir erlaubt. Aber nur in Sichtweite. Es traf sich gut, dass an der oberen und unteren Querstrasse je eine schmale Fussgängerbrücke diesen Bach überschreitbar machte, also durfte ich dieses Rechteck begehen. Freudig forderte ich den armen „Stinki“-Hund auf: „Komm, komm, Luxli, komm mit mir ada!“. Der brauchte dazu keine Extraeinladung und ich sah ihm an, dass er mich gegen alles und alle beschützt hätte, wenn es nötig geworden wäre. Tante Elsa rief noch, ich solle die Leine mitnehmen. Aber als ich zurückkam, erklärte ich stolz, es brauche keine solche, Lux gehorche mir aufs Wort und ich könne ihn, wenn nötig, an ein paar Haaren führen.

Schon freute ich mich, nun einen Ausweg gefunden zu haben, denn ich hatte die weiche Brotmitte mit der Butter, auf dem Brücklein stehend, im hohen Bogen in den Bach geschmissen! Da schaute mich zia Elsa streng an und fragte wahrhaftig, ob ich etwa mein Z’Vieriessen in den Bach geworfen hätte. Ich muss krebsrot angelaufen sein, als ich dies, mit schlechtem Gewissen, verneinte. Lügen war für mich nur etwas für den alleräussersten Notfall, und das schien mir nun wirklich einer zu sein. Die Tante liess es zum Glück dabei bewenden, aber an den darauffolgenden Tagen kaute ich demonstrativ am Rand herum, bis ich an der unteren kleinen Brücke angelangt war; erst dort landete mein „Brot-Pflutter“, wie ich ihn nannte, im Bach. Der konnte mich nun, beim Vorbeischwimmen, nicht mehr verraten.

Diese vierzehn Tag waren, mit kurzen Ausnahmen, eine richtige Tortur für mich. Bis jetzt hatte ich immer geglaubt, Schwestern seien sich sehr ähnlich, und da Mama, was das Essen anbetraf, auch ziemlich streng war, glaubte ich, auch bei der Tante trotzdem gut weg zu kommen. Denn Mama beharrte zwar auch darauf, dass dies gegessen werden müsse, nahm aber den Teller trotzdem weg, wenn sie sah, dass ich eher Fieber bekam als zwei Erbsen runter zu schlucken, auch wenn sie von ihr heimlich in einem Rädchen Salami versteckt worden waren. Aber bei Tante Elsa biss ich da auf Granit!

Das fing schon am Morgen an, wenn ich die Ovomaltine nicht trinken wollte. Ich musste! Egal, ob ich gegen Mittag hin stets klagte, mir sei schlecht. Ich habe nämlich eine Unverträglichkeit gegenüber Milch und deren Produkte, doch dies wusste in jener Zeit niemand. Milch war gesund, gab rote Backen – fertig – Kinder mussten Milch trinken. Und leider kam der Onkel auch nicht zum Mittagessen nach Hause, denn der Weg war zu weit. Und da fing der Schrecken, etwas essen zu müssen, erneut an. Es gab Suppe. Immer gab es Suppe, mit viel Suppengrün drin, das mir partout nicht den Hals hinunterwollte. Der Rest war dünn, und anstatt meiner geliebten Teigwaren oder Reis war da nur Gerste, Sago oder Tapioka drin. An alles, was es da noch gegeben hätte, kann ich mich nicht erinnern, denn ich sass stundenlang am Küchentisch, so kam es mir jedenfalls vor, und es gab nichts anderes. Und am Abend, wenn auch der Onkel mit am Tische sass, kam bei mir zuerst diese am Mittag nicht gegessene Suppe an die Reihe. Ein paar Löffel Brühe schluckte ich dann widerwillig, sehr drauf achtend, dass da ja kein Grünzeug am Löffel hängen blieb. Und ich hoffte auf Onkel Robert – und gottlob nicht vergebens.

Er löffelte emsig die dünne Brühe mit dem Geschlarpe drin, alle zwei Löffel über den Tellerrand zu mir hin äugend. Sobald er damit fertig war, fragte er mich, ob ich richtig zu Mittag gegessen habe, aber er wartete meine verlegene Antwort nicht ab, sondern donnerte los, zu seiner Frau hingewendet: „So, jetzt mach dem Kind endlich etwas zu essen, das es mag, siehst du nicht, dass es Hunger hat?“ Und dann musste die Tante, wohl oder übel, nochmals an den Herd stehen. Und da gab es dann, für mich ganz alleine, irgendetwas aus Eiern, mit Käse drin, oder auch Teigwaren. Mir war es gleich was, nur kein Gemüse! Und ein Stückchen Fleisch oder Wurst gab es dann auch noch dazu. Das war dann wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Und trotzdem, die Tante konnte auch sehr nett sein. Aber sie musste gebeten werden. Und das taten wir, Onkel Robert und ich, ausgiebig. Denn der Onkel war sehr lieb und er sorgte immer dafür, dass ich mich auf etwas freuen konnte. So sagte er, dass die Tante am kommenden Samstagnachmittag ganz sicher für uns zwei „Rahmtäfeli“ machen werde und Pfefferminz-Drops. Und wirklich: Am Samstag, nachdem die Wohnküche aufgeräumt war, fing sie auch sofort damit an. Diese Schleckereien konnte man auch aufbewahren und so hatte sie vor, eine grosse Portion von jeder Sorte zu machen. Dazu wurde Rahm mit Zucker braun gekocht und dann auf ein eingeöltes Backblech gestrichen, erkalten lassen und in kleine Vierecke geschnitten, bevor die Masse starr geworden war. Ob auch noch andere Zutaten dabei waren, weiss ich nicht, Hauptsache es schmeckte. Was sie zu den Pfefferminz-Drops brauchte, weiss ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass sie eine weisse Masse in eine selbst gerollte kleine Pergamentpapier-Tüte einfüllte und dass sie daraus kleine Tropfen laufen liess, auf eine mit dem gleichen Papier ausgelegte Backform. Aber plötzlich entstand hinter dem Haus Geschrei, die Leute rannten auf der Strasse alle in eine Richtung und schauten und zeigten zum Himmel. Onkel Robert und ich rannten ebenfalls die eiserne Treppe von der Terrasse zum Garten hinunter, zum Gartentor hinaus und mit allen zusammen über den Bach auf einen freien Platz, denn da fuhr, majestätisch und silbrig glänzend, der Zeppelin ziemlich niedrig in Richtung Westen am Himmel entlang. Man konnte alles gut sehen, die Passagiergondel, unten angehängt wie die Flosse eines Fisches, mit ihren vielen Fenstern die im Sonnenlicht glänzten, und die Motoren, die so klein aussahen, wie kleine Säcke mit Propellern, und hinten, wo das Luftschiff spitz zulief die vier Steuerflossen, in jede Richtung hin eine. Alle starrten gebannt nach oben und blieben stehen, bis der Zeppelin hinter dem nächsten Hügel verschwunden war. Zu Hause jammerte Tante Elsa unter der Haustüre. Sie hatte immer noch die Pergamenttüte mit Inhalt für die Pfefferminz-Plätzchen in der Hand. Jetzt, wo sie doch für uns die Süssigkeiten herstellte, seien wir einfach weggelaufen und hätten sie alleine stehen lassen. Lange schmollte sie noch, und wenn ich nicht gewusst hätte, dass am andern Tag Mama zu Besuch kommen würde und sie trotz allem auch noch einen Gugelhopf backen würde, ich hätte ihre Drohung, nie, nie nie mehr etwas Gutes für uns zu machen, fast ernst genommen.

Und ich freute mich so darauf, endlich Mama wieder zu sehen, ich hoffte auch sehr, dass sie mich dann einfach mit nach Hause nehmen würde. Der Sonntag kam, der langersehnte, ich konnte es kaum erwarten, mit Lux zum kleinen Bahnhof zu gehen, an dem Mama aussteigen würde. Viel zu früh waren wir dort und ich setzte mich auf die Bank neben dem Billet-Schalter. Lux legte sich auf den Boden., die Schnauze auf den gekreuzten Vorderpfoten. Aufmerksam schaute er umher, und er genoss es sichtlich, an der frischen Luft und nicht im Keller zu sein. Und endlich schwankte das blauweisse Züglein auf die Haltestelle. Mama stieg tatsächlich aus, denn während des Wartens durchfuhr mich immer der schreckliche Gedanke: „Vielleicht hat sie ja das Bähnchen verpasst“, weil Papa so oft sagte, sie sei nie pünktlich, dass dies eine Eigenart aller Schwestern sei, die kämen bestimmt noch zur eigenen Beerdigung zu spät.

Wir hatten nicht lange zu gehen. Sobald man um die Ecke des kleinen Bahndepots schauen konnte, sah man auch schon die kleine Strasse mit den kleinen Zwillinghäusern, je drei auf beiden Strassenseiten. Am Gartentor angekommen streifte Mama ihre Schuhe an dem kleinen Scharreisen ab, das daneben in die Gartenmauer eingelassen war, und ich tat es ihr gleich. Ich wusste ja, was jetzt für ein Ritual auf uns zu kam. Da die Strasse noch nicht geteert war, blieben manchmal kleine Steinchen und eben „Strasse“ an den Schuhen hängen, besonders auch, wenn die Absätze mit den beliebten Gummiflecken, Marke Continental, geschont wurden. Diese Gummiflecke konnten anstandslos ersetzt werden, ohne dass die Absätze schiefgelaufen wurden. Kinder hatten dies natürlich nicht. Für uns genügte es, dass auf den Schuhen, vorne wie hinten, metallene Eisen draufgenagelt wurden, die vornehm „Blackey“ genannt wurden. Wenn eine Schar Kinder, zusammen, auf dem Schulweg, einander hinterher rannten, dann tönte das, wenn man zum Beispiel über eine hölzerne Toreinfahrt trampelte, wie eine ganze Schwadron Kavallerie.

Oben, an der halbgeöffneten Haustüre, stand Tante Elsa. Den kurzen, geplättelten Hausgang, in dem sich zwei Personen schon im Wege standen beim Mäntel anziehen, hatte sie mit alten Zeitungsblättern belegt bis zur Küchentüre. Dort musste man einen langen Schritt nach links machen und sofort absitzen. Auf die niedere, jedoch gepolsterte Kochkiste, vor der ebenfalls Zeitungsblätter lagen. Und dort musste man eine ganze Weile sitzen bleiben, bis sich eventuell nasse Schuhe ein wenig getrocknet hatten. Die gleiche Prozedur musste man aber auch über sich ergehen lassen, wenn seit drei Wochen kein Tropfen Regen vom Himmel gefallen war.. Das war einfach so. Und heimlich freute ich mich, dass auch Mama ein „pikiertes“ Gesicht dazu machte. So war das immer, wenn man zu Elsa zu Besuch ging, und daher ging auch niemand gerne zu ihr. Mama erzählte immer wieder, dass, als Elsa noch in der Stadt wohnte und sie alle zur Taufe meiner Cousine eingeladen waren, Grossmama mit einem grossen Armkorb voller Hausschuhe vorausgegangen sei und alle vor der Türe ihre Schuhe deponiert hätten und nur mit den „Schlappen“ in die Wohnung getreten seien.

Endlich wurden wir vom Kochkistensitzen erlöst und durften uns an den Tisch setzen, der in einer Ecke der Wohnküche stand. Dort war es ziemlich gemütlich. Der andere, ungemütliche Teil, mit dem Herd, dem Wasserstein, den grossen Töpfen und Formen und allem, was zur Küche gehörte, mit Fegbürsten, Marseiller Seife, die wie ein riesiger Würfel aussah und auf einem Unterteller stand wenn sie noch ziemlich neu war, dem konnte man den Rücken zukehren. Und ich konnte vergessen, dass dort das von mir so ungeliebte Suppengrün auf Hozbrettchen zerschnitten und gehackt wurde, und dass es in jenem Teil für mich immer unangenehm nach Zwiebeln roch, nach Gemüse ganz einfach. Lieber roch ich noch den Lux.

Und endlich kam auch der am Vortage gebackene Gugelhopf auf den Tisch. Heimlich zupfte ich die Rosinen daraus und legte sie heimlich – so hoffte ich – auf Mamas Teller, ohne dass die Tante es sähe. Und die ganze Zeit über wollte ich Mama bitten, mich mit nach Hause zu nehmen. Aber ich kam einfach nicht dazu. Und ich traute mich auch nicht, dies vor der Tante zu tun. Das, was eine fröhliche Sonntagsbegegnung für mich werden sollte, die ich so erhofft hatte, wurde von Minute zu Minute für mich trauriger. Und als gegen sechs Uhr sich Mama verabschiedete, konnte ich sie nicht einmal allein an die Haltestelle begleiten, denn um diese Zeit hatten kleine Mädchen auf der Strasse nichts zu suchen, auch wenn noch so viele Hunde, wie der Lux einer war, sie begleitet hätten.

Ich musste also nochmals eine volle Woche ausharren, und eine ganze Woche war damals sehr, sehr lange. Mir kam sie vor wie eine Ewigkeit, obwohl ich eigentlich gar nicht wusste, was ich mir darunter vorstellen sollte. Ich wusste nur, dass dies sehr lange sein musste, denn ich hatte schon gehört, dass dieses Wort im Zusammenhang mit dem Amen in der Kirche vorkam. In Ewigkeit, Amen. Und dass die Leute dabei fast immer ein strenges und trauriges Gesicht machten.

Doch die zweite Woche verflog viel schneller als die erste. Nonna hatte nämlich Mama ein wenig Schokolade und Biskuits für mich mitgegeben. Und die Tante traute sich nicht, mir diese wegzunehmen, und so konnte ich mich jeden Tag auf ein wenig Liebe in Form von Süssigkeiten freuen. Und der Onkel wurde auch so etwas wie ein Komplize für mich. Er nahm heimlich ein paar Stücke Würfelzucker mit, wenn wir beide in den Keller gingen um Lux sein Fressen zu bringen, und wenn Lux sein Geschirr fertig ausgeleckt hatte, legte er ihm ein Stück Zucker vorne auf die Nase. Und bei „Hopp“ bewegte Lux seinen Kopf, das Stück Zucker flog in die Luft und er schnappte es sich.

Wir, der Onkel und ich, kicherten und lachten, und manchmal versteckte ich mich hinter einer Hurd und Lux musste mich suchen. Das waren hölzerne Gestelle zum Lagern von Obst, Kartoffeln und anderem Gemüse. Aber auch Sterilisiergläser voll mit Bohnen oder mit Pfirsichhälften, Birnen mit Kürbisstücken, mit Früchten des Feuerbusches; alles, was man essen konnte wurde von der Tante durch Sterilisieren haltbar gemacht. Das war ein Vorgang der mich noch mehr fesselte als das Konfitüre einkochen. Letzteres tat Mama ja auch gelegentlich. Quittengelee kochte sie gerne ein, auch Erdbeeren und St.Johannsträubchen. Nur Kirschen, von denen wollte sie nichts wissen. Die musste man zuvor entsteinen und das war eine grausliche Arbeit. Ein einziges Mal habe ich ihr dabei zugeschaut, wie sie mit einer sauberen Haarnadel von der sie das U-förmig gebogene Ende benutzte, die Kirschensteine aus den reifen Früchten herausquetschte. Es spritze überall hin und die Küche sah nachher fast wie ein Schlachtfeld aus. Die Putzerei ging ihr mehr auf die Nerven als das Konfitüre kochen. In Zukunft liess sie diese Sorte einfach weg.

Im Keller der Tante hatte es hunderte solcher gefüllten Einmachgläser. Fast wie in einem Museum sah es aus. Schön aufgereiht waren sie, der Grösse nach zuerst, und dann nach Inhalt. Zuhinterst standen die Sterilisiergläser, viele aus dunkelgrünem Glas, mit Bügeln, und die hiessen bei uns Bülacherflaschen, weil sie in Bülach hergestellt wurden. Gross waren sie alle, die Tante gab sich nicht mit Pfundgläsern ab. Ich staunte nur, wie alles exakt etikettiert war: Inhalt, Datum. Und wenn sie etwas zum ersten Male ausprobiert hatte, schrieb sie es auch darauf, um zu kontrollieren, wie lange eventuell diese Neuzubereitung haltbar blieb. Oder sie erwähnte, von wem sie das entsprechende Rezept erhalten hatte. Ja, Ordnung herrschte in dem Zwillingshäuschen überall, sogar im Keller. Bis auf Lux. Sein „Nest“ war das einzig unordentliche dort unten. Und feucht war es dort .An den Wänden entlang war ein merkwürdiger grauer Rand zu sehen, höher als mein Kopf. Bis dort hinauf sei der Keller beim letzten Hochwasser des kleinen Baches überschwemmt worden. Das erzählte mir der Onkel, als er sah, wie ich den komischen Rand anschaute. Zum Glück war Lux nicht umgekommen dabei. Aber so weit dachte ich damals noch nicht. Ich staunte nur und war froh, dass auch die zweite Woche endlich ihrem Ende entgegenging.

Es wurde Samstag, ich bekam vor lauter Vorfreude und Aufregung leichtes Fieber wie stets, wenn ich mich auf etwas sehr freute. Aber ins Bett wurde ich doch nicht gesteckt, wie das meist zu Hause der Fall war. Und ich war froh darüber, denn ich ersehnte nichts so sehr wie die Rückkehr, zu Nonna, zu Papa und zu Mama, die mich holen kam.

Eine letzte Mahlzeit war angesagt – und – welch ein Vergnügen: keine Schlämpensuppe wurde aufgetischt, nein, es gab das, was ich dort, bei der Tante, als mein Lieblingsessen bezeichnete: eine „Kratzete“ so nannte es der Onkel. Eierspeise mit Käse, leicht angeschwärzt, und mit dem Schäufelchen zerrissen. Und ein Stück Apfelwähe als Nachtisch, mit herrlichem, knusprig gebackenem Rand. Ja, Wähen, also Obstkuchen backen, das konnte die Tante gut, nur schade, dass sie es in diesen zwei verflixten Wochen so selten getan hatte.

Wie froh war ich, als Mama erschien und wir ziemlich schnell Abschied nahmen, denn mein Bündelchen war schon am Vorabend gepackt worden. Und es fiel mir wirklich nicht schwer, fröhlich zur Tante zu winken, als wir das Ende der kleinen Strasse erreichten, die uns aus ihrem Blickfeld verschwinden liess. Nur, dass ich Lux nicht mehr sehen würde, den armen Kellerhund, das tat mir schon etwas leid, denn er dauerte mich wirklich. Nun würde er nicht mehr am Nachmittag zu einem kleinen Extra-Rundgang entlang dem kleinen Bach kommen. Doch es blieb keine Zeit für Wehleidigkeit – wir hörten schon den unverwechselbaren Hupton der kleinen, blauweissen Bahn, den sie immer beim Annähern an die nächste Haltestelle erschallen liess. Wir mussten uns beeilen, um sie nicht zu verpassen.......

PS Fotos kann ich leider keine zeigen. In jener Zeit war das Fotografieren Luxus für normale Leute. Und aus dem Internet, wo man ev.alte Bilder finden könnte, darf man nicht abkupfern.

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