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THEMA: MINKA

MINKA 18 Nov 2017 10:17 #1

Minka war ein schwarzweisser, mittelgrosser Spaniel und gehörte meiner Tante Alice, der jüngsten Schwester meiner Mutter. Ich kann mich nicht erinnern, dass während meiner Kinder-und Jugendjahre die Tante keinen Spaniel gehabt hätte. Und diese Spaniels waren immer gleich in Farbe, Grösse und Fellzeichnung. Und so merkte ich auch nicht, dass der erste Minka schon lange durch den zweiten Minka ersetzt worden war, als ich gerade aus der Kleinkinderschule in die grosse Schule wechselte. Das Wort Kindergarten kannte man damals noch nicht und es wurde allgemein auch nur von der „Häfelischule“ geredet, was bereits andeutete, dass die Kinder dort noch sehr klein und noch nicht immer wasserdicht waren. Zu diesem Zeitpunkt war ich knapp sechs Jahre alt. Dass Tiere auch sterben müssen, daran dachte ich nicht. Jedenfalls keine Hunde. Hühner schon. Aber das war ja etwas ganz anderes. Das hatte ich sogar schon einmal mit eigenen Augen und mit Entsetzen gesehen.

In der Strasse, in welcher wir damals wohnten, war es noch nicht Brauch, Hühner zu verspeisen, auch nicht zu Festtagen. Später dann schon, und statt Huhn sagte man auch ganz vornehm „Poulet“ auf französisch dazu. In Italien kannte man dies aber schon seit immer. Und meine Nonna unterschied sich da nicht von andern Frauen aus ländlichen Gegenden der Po-Ebene; sie kaufte ihr Huhn für die Festzeit lebend auf dem Geflügelmarkt und trug es nach Hause, wo sie es für einen oder zwei Tage ins Kellerabteil sperrte.

Als ich Nonna einmal beim Heimkommen aus der Kinderschule nicht in der Wohnung vorfand, suchte ich sie zuerst im Treppenhaus, denn weit weg konnte sie bestimmt nicht sein. Da die Kellertüre einen Spalt breit offen stand und unten Licht brannte, war sie bestimmt dort. Ich hüpfte Tritt um Tritt hinunter, und als ich um die Ecke bog wo die Kellerverschläge waren, blieb ich zuerst wie angewurzelt stehen, vor Schreck gelähmt, bevor ich die Flucht nach oben antreten konnte. Im schmalen Gang zwischen den Kellerabteilen, für jede Mietparte eines, stand Nonna, das Huhn zwischen den Knien eingeklemmt und zog und drehte an seinem Hals herum. Dieses gackerte noch einmal auf und schlug in Todesangst mit den Flügeln wie wild um sich...... den Rest sah ich nicht mehr. Ich war längst in der Wohnung, in meinem Bett und unter der Bettdecke vergraben und drückte beide Hände fest auf die Augen. Nie wieder wollte ich sie aufmachen. Ich wollte niemanden mehr sehen, Nonna nicht und das Huhn schon gar nicht. Lange Zeit sah ich immer wieder diese grässliche Szene vor mir, wobei ich dann schnell mit den Augen blinzelte, als hätte ich damit diese Bilder vertreiben können. Das fiel sogar meiner Mama auf, die damals fast nie zu Hause war, weil sie noch arbeitete, und einmal hörte ich, wie sie und Papa zusammen berieten, wer von ihnen beiden mit mir zum Augenarzt gehen solle. Denn ich schielte auf einem Auge und sie dachten, meine Augenblinzlerei sei eine Folge dieses Defektes.

Es war auch die Zeit, als das Radio noch in den Kinderschuhen steckte. Man musste Kopfhörer aufsetzen, um etwas von den Tönen und dem, was man dazumal Sendungen nannte, mitzubekommen. Ausgestrahlt wurden dies nur zu ganz bestimmten Zeiten. Doch schon relativ früh gab es Sendungen für Kinder, Kinderstunde genannt.
Tante Alices Mann, damals noch Polizist, war meist im technischen Dienst tätig, denn er hatte eine der beiden damaligen Eidgenössischen Technischen Hochschulen besucht. Da er es liebt, in seiner freien Zeit zu basteln, hatte er einen Apparat selbst zusammengebaut, mit Röhren und Spulen, und er erklärte mir, dass dies ein Detektor sei, mit dem man aus dem Äther Wellen auffangen könne. Dazu stülpte er mir Kopfhörer über und ich vernahm mit Staunen, dass da irgendwoher Töne kamen. Meist war es aber nur ein Pfeifen und Knattern oder es war, wie wenn heftiger Wind durch einen Wald fegt. Ganz entrückt lauschte ich. Und als Onkel Emil später einen kastenförmigen Apparat zusammengebaut hatte, an welchem man bereits mit Knöpfen und Rädchen hantieren konnte, kaufte er eine kleiner Ausgabe Kopfhörer, weil mir die grosse immer über die Ohren herunter rutschte. Diese passte auch der Tante besser, die es jedoch vorzog, selber Klavier zu spielen als auf dieses Gequitsche, wie sie sich ausdrückte, zu hören. Als die Kinderstunde regelmässig ins Programm aufgenommen wurde, durfte ich diese immer bei ihr abhören.

Und dort war ja auch Minka, der immer wie verrückt um mich herumtanzte, jedesmal wenn ich auftauchte. Ich ging gerne zu Tante Alice, der Lieblingsschwester meiner Mutter, der jüngsten in der Familie. Bei ihr durfte ich auf dem Klavier herum klimpern, ihr helfen, die Umschläge der Maggi-Bouillonwürfelchen zu bündeln, wegen der Prämien die man dafür bekam. Eine knifflige Arbeit war das, aber meine kleinen Finger waren dabei ziemlich geschickt. Tante Alice hatte auch Freude am Backen und so gab es meist auch etwas Feines als Zwischenverpflegung. Zur Weihnachtszeit waren es die verschiedenen Sorten von Plätzchen – Gutzeli sagen wir hier dazu - in der Fastnachtszeit gab es Fettgebackenes, „Schänkeli“ und ganze Waschkörbe voll Fasnachtsküchlein, denen man auch „Kneublätze“ sagt, weil der Teig für diese hauchdünn sein muss und deshalb lässt er sich am besten über das Knie ausziehen. Alice buk da meistens für die ganze weibliche Verwandtschaft mit, weil die andern diese Arbeit scheuchten, und besonders mein Papa zog Grimassen, wenn er heimkam und es nach heissem Öl, oder Bratfett roch. Und wenn gerade keine brauchtummässigen Spezialitäten in der dafür vorgesehenen Zeitspanne zu erstellen waren, gab es einfach etwas Einfacheres. Früher hielt man sich noch strikt an die Zeiten und es wäre keiner Hausfrau in den Sinn gekommen, Fastenwähen im Herbst zu backen. So stellte die Tante zwischendurch auch nur einfachere Nussgipfel oder Apfeltaschen auf, an denen ich aber ebenso viel Freude hatte und sie mit ebenso gutem Appetit verspeiste. Aber der Höhepunkt war stets dann, wenn sie ihre berühmte Schokoladentorte aufstellte. Sie war schön feucht und nicht so staubtrocken, wie man sie auch dann und wann irgendwo vorgesetzt bekam, oben wunderschön mit einem Muster aus Staubzucker verziert. Das Muster erstellte Tante Alice ebenfalls selbst, indem sie ein stabiles weisses Papier mit der Scheere ausschnitt, sodass ein richtiges Spitzenmuster daraus wurde. Das legte sie über die Torte und siebte ganz dick Staubzucker darauf. Das heikelste war stets, das Musterpapier so von der Oberfläche wegheben zu können, dass das Muster darunter erhalten blieb und nicht verschmierte. Aber das konnte sie prima.

Und Minka war ja mein Freund, den ich um den Hals fassen konnte und der den Kopf so lustig verdrehte und jammerte, wenn ich beim Tastendrücken auf dem Klavier eine scheussliche Dissonanz hervorbrachte. Doch dann war er plötzlich nicht mehr da und Tante Alice erzählte mir, Minka sei in die Ferien gegangen. Nun, das war wohl so, wir hatten in der Kinderschule ja auch immer wieder einmal Ferien! Nach relativ kurzer Zeit stand er wieder da, und tänzelte wie gewohnt schon unter der Wohnungstüre, noch bevor ich ganz drinnen war. Freudig stürzte ich mich auf ihn, tätschelte ihn, und er begann auch sofort zu „singen“ wie ich sein freudiges Jaulen nannte. Und voll Stolz erzählte ich zu Hause, Minka habe mich nicht vergessen und sofort wiedererkannt. Erst viel später merkte ich dann, dass dies der Minka Nummer zwei war. Gleich wie der erste, im Aussehen, im Wedeln, im Tänzeln und Freude zeigen.

Dann zogen wir in einen anderen Stadtteil, in die Nähe des Bahnhofes, an eine sehr belebte Strasse durch die auch die Trambahn fuhr. Und Onkel Emil kaufte ein Haus, noch weiter vom Stadtzentrum entfernt, als er vorher wohnte, am Rande der bebauten Zone der Stadt, das pure Gegenteil von uns. Nun war es nicht mehr so einfach, zur Tante und zu Minka zu gehen. Der weite Weg und die Schulaufgaben die immer mehr wurden, kamen mir da in die Quere. Jedoch trafen wir nach wie vor im Hause von Grossmama, im Bauernhof, zusammen, wohin Minka immer mitdurfte, zu seinem Freund Barry, dem Hofhund.

Im Bauernhof regierte Hulda, die noch ledige Schwester meiner Mama, die „ewige Braut“, wie mein Papa sie nannte. Hans, Huldas Bräutigam, hatte keine Eile mit heiraten. Als ich noch nicht geboren war, meinte Mamas ganze Familie, das Heiraten der Mädchen müsse der Reihe, dem Alter nach, vor sich gehen. Daran hat sich aber nur Elsa, die älteste gehalten. Dann wäre die Reihe an Hulda gewesen und erst danach, hätte Mama auch heiraten dürfen. Da sie aber bereits so lange auf Papas Rückkehr aus dem Krieg warten musste, hatten beide dazu keine Lust, denn Papa war als Angehöriger der Besatzungsmacht Italien noch bis 1920 in Sofia, Bulgarien, in Garnison. Erst dann wurde er endgültig entlassen und konnte, nach langem Papierkrieg mit den Behörden, wieder in die Schweiz zurückkehren.

Dass Hulda so uneingeschränkt in Haus und Hof herrschen konnte, verdankte sie auch dem Umstand, dass Grossmama sehr oft krank und auch im Spital war, und dass die beiden Brüder, die den Betrieb weiterführten, immer noch ledig waren. Nun hiess es, sie könne gar nicht heiraten, solange keine andere Frau im Hause sei. Und ihr Bräutigam Hans erhob da keinen Widerspruch. *Darüber ist doch dieser Schlawiner, der Hans, heilfroh“, kommentierte mein Papa diesen Umstand. Und Hulda hatte alles im Griff; sie vergeudete nichts, wirtschaftete sparsam. Jede Schnur wurde sorgsam aufgeknotet, Seiden-Geschenk- und Packpapier wurde glattgestrichen und exakt wieder gefaltet. Alle Knöpfe wurden von alten Kleider abgeschnitten und jede Schnalle, und in einer separate Schachtel versorgt. Wirklich alles wurde aufbewahrt, zur gelegentlichen Wiederverwendung. Das ergab einen grossen Berg von Schachteln und Beigen von Papier, gestapelt auf dem grossen Küchenkasten, und ich wartete immer darauf, dass einmal alles auf Tante Huldas Kopf herabregnen werde, denn manchmal war es dort ziemlich schief und wackelig, wenn jemand von zu unterst etwas herausgezogen hatte.

Hulda war immer sehr streng mit mir. Wenn ich mich deswegen bei Mama beschweren wollte, gab die mir immer zur Antwort, Hulda habe mich aber trotzdem lieb, sie könne nur ihre Gefühle nicht so zeigen, Hulda könne auch nicht weinen. Damals schien mir das eine Ausrede zu sein, damit Mama mir nicht beipflichten musste, aber viel später habe ich dann einiges doch noch besser verstanden, sogar teilweise erst nach ihrem Tod. Aber fast jedesmal, wenn ich mit zia Hulda allein in der Küche war, und nur die Katzen hereinkamen, um aus ihren Tellerchen zu fressen oder Milchwasser zu lappen, wurde mir meine Cousine als leuchtendes Beispiel an Tugend vorgehalten. Das mopste mich unsagbar. Immer hiess es: „Elseli hat dies gemacht, Elseli hat das so gemacht, Elseli hat nie etwas berührt, ohne vorher zu fragen, ob es darf!“ Mir wurde diese „Elselei“ bald einmal zu viel, denn so lieb und brav war diese mit mir nicht gerade. Sie war fast 10 Jahre älter als ich, und wenn wir einmal allein zusammen waren, teilte sie mir schnell einmal „dummes Huhn“ aus, oder sogar „Affe!“ Nur, weil ich etwas nicht so schnell sehen konnte wie sie mit ihren Adleraugen. Ich hatte ja Mühe damit, wenn mir etwas sogar bis unter die Nase geschoben wurde. Aber vielleicht beneidete sie mich einfach nur, weil Mama mich normal kleidete während das arme Elseli, wie seine eigne Mutter es uns gegenüber nannte, eben wie eine Grossmutter daherkommen musste, in Farben, die jegliche Fröhlichkeit schon nur beim Hinsehen töteten. Alles immer sehr solide und haltbar, aber katzenggrau und langweilig. Das Attribut „arm“ ging auf einen Unfall zurück, den meine Cousine gehabt hatte. Sie wollte nicht zu spät bei ihrem Lehrmeister erscheinen und ist auf einen Bahnwagen aufgesprungen, der in der kleinen Station gar nicht halten musste. Eine fatale Verwechslung, denn der richtige Zug war erst in ein paar Minuten fällig. Aber dadurch musste sie etliche Operationen am Fuss über sich ergehen lassen, und ich verstand sogar als kleines Mädchen, dass dies schmerzhaft und schlimm gewesen sein muss. Und ich wollte sie gern haben wie eine grosse Schwester. Nur – sie hat es nie zugelassen, auch später nicht.

Meine Mama war die modernste der Schwestern und sie verwendete auch gerne einen Hauch Puder – nur gerade auf der Nase – damit sie nicht glänze. Und die Augenbrauen zog sie auch ganz leicht mit einem Stift nach, denn ihre eigenen waren sehr dünn und sehr hell. Onkel Emil aber war strikte gegen jede „Malerei“ und er hatte dauernd Angst, Alice, seine Frau, würde durch Mama auch dazu verführt. Er verhielt sich da sehr unverhältnismässig dazu, und Mama wurmte dies oft und sie schimpfte dann, man könne meinen, sie sei direkt ein „gefallenes Mädchen“ wegen diesen zwei Strichlein und den zwei Puderstäubchen, aus denen Onkel Emil gleich ein Pfund mache. Damals gab es auch sogenannte Puderpapiere, eingeheftet wie in einem kleinen Notizbüchlein das man bequem mitnehmen konnte. Und die beiden Schwestern lachten oft heimlich, wenn Emil es nicht merkte, dass sich auch seine eigene Frau die Nase puderte und er meinte, sie wische sich mit Papier die Nase trocken. Dies passierte aber nicht sehr oft, denn die Tante war wirklich eher der Wasser- und Seife-Typ.

Im Sommer, wenn es richtig heiss war, holte sie im Neuhof oft den Barry, und zusammen mit Minka wanderte sie an den Rhein, um die beiden Hunde miteinander schwimmen zu lassen. Anfangs fand ich es schön, mit dabei sein zu dürfen, aber ich bekam rasch genug, weil die Angst überwog, die ich um die beide ausstand. Damals war der Rhein noch ein richtiger Strom, die Staumauer in Kembs, das im Elsass liegt, war noch nicht gebaut und, und das Wasser floss so schnell dahin und es zog einem ganz schnell mit sich fort. Das kannte ich aus der in den Rhein gebauten Badeanstalt. Wenn wir am oberen Ende ins Wasser stiegen, das durch einen künstlichen Holzboden dem Wasserstand angepasst werden konnte, waren wir im Nu am unteren Ende, wo wir durch ein Gitter aus Eisenstäben gestoppt wurden, sonst hätte uns das Wasser mit sich fortgetragen. Mama, die nicht schwimmen konnte, klammerte sich so fest an dieses Gitter und zog sich daran entlang und hatte sogar Angst, eine Hand vor die andere zu setzen. „Es zieht mich sonst weg, fort, zum Gitter hinaus und ich finde nie mehr den Weg nach Hause“ jammerte sie, wenn wir sie deswegen auslachten.

Und in diesem schnellen und manchmal wilden Wasser schwammen die beiden Hunde, um einen Ast oder sonst etwas zu holen, den Tante Alice, so fest sie konnte, flussaufwärts geschleudert hatte. Und er war schon fast an ihnen vorbei, wenn sie ins Wasser sprangen. Stolz trug derjenige, der ihn erwischt hatte, seinen Apport zur Tante hin. Manchmal aber trieben sie so weit flussabwärts, dass ich sie nicht mehr sehen konnte. Und es war auch sehr mühsam, das glitschige und steile Bord hochzuklettern für ihre nassen Pfoten. Und weit mussten sie dann laufen, bis sie wieder bei uns waren und sich schüttelten, dass auch dann noch die Tropfen flogen, und man sich schnell vor dieser halben Dusche in Sicherheit bringen musste.

Minka zwei, den kannte ich ja nun viel besser als Minka eins, war ein herrlicher Spaniel. Ihn sah ich fast nie stillsitzen oder herumliegen, andauernd war etwas an ihm in Bewegung. Tänzelte er nicht um mich herum so wedelte er oder schüttelte seine langen Fransenohren. Einmal gar rutschte er auf seinem Hinterteil über den Boden, die Hinterbein steif ausgestreckt und es sah so aus, als ob er schlitteln würde. Tante Alice stoppte ihn aber sofort, rannte in die Küche und kam mit einem sauberen Stück Stoff wieder. Minka musste nun stillstehen und die Tante machte sich an seinem Hinterteil zu schaffen. Ich hatte keine Ahnung, wozu das gut sein sollte und fragte, und ich bekam auch sofort, offen und ehrlich wie immer, die Antwort auf meine Frage. Ob dies nun Mensch oder Tier betraf, ich wurde praktisch nie mit irgendeiner Ausrede abgefertigt. Ich wurde also darüber belehrt, dass sich eine Drüse am After von Minka mit einem Sekret gefüllt habe und dass dies störe und jucke, und Minga daher durch das Schlitteln versucht habe, sich davon zu befreien. Dies habe ich, als ich später selber Hunde hatte, als praktische Soforthilfe gut gebrauchen können. Und noch etwas habe ich der Tante damals abgeguckt: Lange Fransenohren, die beim Fressen in den Napf hängen und schmutzig werden, hat sie mit einer, damals noch hölzernen, Wäscheklammer an dem haarigen Ende über dem Kopf zusammengenommen. Das Problem war so prima gelöst.

Bei Onkel Emil hingegen musste der „Hund“ wie er Minka auch oft rief, arbeiten. Da wurde herum exerziert, ärger als beim Militär. Onkel Emil legte irgendeinen Gegenstand neben Minka und befahl. „*Bleib“. Dann entfernte er sich. Ich merkte, wie das „Minkeli“ zuckte und am liebsten aufgesprungen wäre, aber da tönte die strenge Stimme des Onkels wieder „Bleib“. Manchmal ging es ordentlich lange bis der befreiende Befehl „Apport“ ertönte und Minka den abgelegten und bewachten Gegenstand packte und seinem Meister brachte. Von sich selbst sprachen Tante und Onkel mit Minka nur als von Meisterin und Meister.

Onkel Emil war aber nicht nur für seinen Hund der Meister. In Mamas Familie wurde nichts, was einigermassen wichtig schien, begonnen, beendet oder auf die lange Bank geschoben, ohne dass Emil zu Rate gezogen worden wäre. Nicht, dass er in der Landwirtschaft und in der Tierhaltung besonders gut Bescheid gewusst hätte. Seine Stärke lag auf technischem Gebiet. Das hatte Alice so veranlasst und eingeführt. Wenn ihre Brüder über etwas unschlüssig waren, weil Erwin, der ältere, eher bremste und Louis, der jüngere, voranmachen wollte, mischte sich Tante Alice ein und meinte, sie sollen doch ihren Mann zuerst fragen, was er meine. Dies wiederholte sich so oft, dass es zur Routine wurde. Erst wenn Emil seinen Segen, respektive Senf, wie ich meinte, dazu gegeben hatte, wurde ausgeführt, was sowieso schon lange feststand. Papa und ich zwinkerten uns bei diesem rateburgern meist belustigt zu und Mama wusste nicht, sollte sie ebenfalls lachen oder wütend werden, weil alle Emil als so überlegen betrachteten, währenddem ihr eigener Mann nie um Rat ersucht wurde.

Grossmama war ja meist im Bett oder sass in einem Lehnstuhl, wenn wir sie besuchten. Die laufenden Entscheidungen wurden alle ohne sie getroffen. Nur einmal habe ich Grossmama in voller Grösse aufrechtstehend gesehen. Und noch lange nachher wunderte ich mich, wie stattlich sie eigentlich war. Das war an einem Karfreitag, den Mama und ihre Familie als den höchsten Feiertag des Jahrlaufes begingen. An diesem Tage kleideten sich alle dunkel bis schwarz und es wurde auch nur das dringend notwendige in den Ställen gemacht, füttern und melken und wenn es nicht anders ging, das gröbste ausmisten. Mama hatte mir schon immer erzählt, dass sie bereits als Schulmädchen an diesem Tage eine schwarze Schürze anziehen musste. Das war strenger, protestantischer Brauch. Und alle im Neuhof ärgerten sich jedesmal gewaltig, wenn der Nachbar in seinem angrenzenden Garten just dann wie wild arbeitete. Der war Italiener und in Italien war Karfreitag ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Da er einen freien Arbeitstag hatte, weil in der Region dies so üblich war, benutzte er ihn nach seinem Brauchtum, um Gartenarbeiten zu erledigen.

Es war also am Karfreitag Nachmittag, das Wetter war ziemlich nasskalt und windig. Als wir in den Torweg zum Wohnhaus einbogen, stiess Mama einen Schrei aus und deutete aufgeregt auf den überdeckten Vorplatz: „Schaut, schaut“ rief sie ganz aufgeregt „unsere Mama steht unter der Türe“. Keines der Geschwister sprach je in der Einzahl von ihr. Alle sagten stets unsere Mutter, auch wenn jedes für sich alleine war.
Und wirklich, da stand sie, meine süddeutsche Grossmama, in ihrer Markgräflertracht, mit dunkelm Rock und schwarzglänzender Schürze, ein flauschiges, gehäkeltes dunkles Dreiecktuch um die Schultern und einer grossen, goldenen Brosche vorne auf dem Mieder. Aber ich schaute fasziniert nur immer wieder auf ihren Kopf. Das schneeweisse, noch üppige Haar war hochgesteckt und gekrönt von dem riesigen Schlupf. So nennt man diese Art Haube, die jedoch aussieht wie eine grosse Masche mit ein wenig herabhängenden, mit Fransen verzierten Enden. Nun begriff ich, was Mama mir schon oft erzählt hatte. Dass nämlich ihr Vater, als er dieses schöne, grosse Mädchen als seine Frau aus ihrem Dorf wegholte, den noch ledigen Burschen dort eine Art Steuer oder Strafgeld dafür bezahlen musste. Damit haben sich diese einen lustigen Tag, mit Sauferei gemacht, war der trockene Kommentar meines Vaters dazu.

Dies war das einzige Mal, dass ich Grossmama so angezogen und vor dem Hause gesehen habe. Später kamen auch alle anderen Schwestern in den Neuhof, und es waren alle freudig erregt, ihre Mutter wieder einmal in der Tracht zu sehen. Und wie gewohnt kam als letzte Tante Alice. Gute zehn Minuten vorher war schon ihr Mann Emil mit Minga eingetroffen, und wie immer schimpfte er tüchtig auf das „Frauenzimmer“, das nie pünktlich zum Haus herauskomme und immer noch dies und das zu erledigen habe. Frauenzimmer war überhaupt eine von ihm beliebte Anrede, nicht nur für seine Frau, auch für meine Mama. Aber nur für diese beiden. Die andern wurden stets mit Namen angesprochen. Ich habe aber sehr bald bemerkt, dass dies seine Art war, Zuneigung auszudrücken. Es tönte zwar immer barsch, aber anders schien es für ihn unmöglich, zu zeigen, dass er jemanden mochte. Das wäre ja Schwäche gewesen und schwach zu erscheinen war für alle Männer meiner Familien höchst unehrenvoll. Und ich merkte auch, dass er wirklich auf den Stockzähnen lächelte, wenn ich ihn mit Onkel ansprach. Das hatte die Tante so durchgesetzt, da ich es eigentlich nicht gewohnt war. Die Brüder von Mama und den Bruder von Papa sprach ich immer nur mit ihren Vornamen an. Da sie kinderlos war, aus eigenem Entschluss, sollte wohl das Wort Onkel ihn ein wenig dafür entschädigen.

Auch über diesen Punkt war die Tante mit mir sehr offen, und sie war es auch, die mir schon bald an Weihnachten einmal ein Büchlein zu den übrigen Geschenken legte, mit dem Titel: Woher die Kindlein kommen. Mama meinte zwar, dies sei noch viel zu früh. Ich stürzte mich natürlich sofort neugierig auf die Lektüre, wusste aber nachher fast soviel oder so wenig wie vorher. Es stand darin, dass der Papa die Mama so liebhabe und dass er das Kämmerlein unter ihrem Herzen mit einem Schlüsselein, das nur er habe, aufgeschlossen hätte. Poh!! Mit dem konnte ich nun wirklich nicht viel anfangen, aber dadurch, dass ich im Besitze dieser Schrift war, galt ich von nun an als aufgeklärt. Und daher schimpfte sie auch eines Tages bei mir über den nachbarlichen Bauern, der sie eine kastrierte Kuh genannt habe. Und da ich sie so ungläubig anschaute, eigentlich mehr über den Mut des Nachbarn, so etwas zu ihr zu sagen, erinnerte sie mich daran, dass sie ja operiert worden sei um keine Kinder zu bekommen. Ich hätte doch sicherlich nicht vergessen, wie es mir gegraut habe als ich sie besuchte, weil sie gerade Blutegel an ihrem Bein angehängt hatte. So wurden gewisse Nachbehandlungen damals eben auch vollzogen.

Schon bald einmal schwärmte Tante Alice, die ja nun schon im eigenen Haus wohnte, in dem aber noch zwei andere Wohnungen vermietet waren, von einem Chalet nur für sich und ihren Mann. Einem Chalet im Stil der Berge, wie sie in der Innerschweiz und in vielen Bergkantonen gebaut werden. Und wie immer, wenn sie sich etwas vornahm, wurde daraus auch bald Wirklichkeit. Auf dem sogenannten „Bonzenhügel“ der Stadt, dort wo viele reiche Chemiebosse und sonstige Direktoren aus allen möglichen Sparten der Geschäftswelt ihre Villen haben, an einer wirklich schönen und auf eine Seite hin unverbaubaren Lage, ergatterten sie ein Stück Land, auf dem das Chalet Form annahm. Mit einem grossen Garten drum herum.

Minka zwei erlebte diesen Umzug aber nicht mehr. Sobald das Haus fertig eingerichtet und das Grundstück bepflanzt war, zog dort wieder ein schwarzweisser Spaniel ein. Doch diesmal hiess er nicht mehr Minka, sondern, der vornehmen Umgebung angepasst, Astor. Auch er ein liebenswürdiger Kerl, aber eben nicht mehr mein „Minkeli“, der mich, wie ich damals als Sechsjährige meinte, nach den Ferien wiedererkannt hatte.

Erica Zet

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