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THEMA: La Castagnata.

La Castagnata. 07 Nov 2017 18:40 #1

Die Castagnata.


Der Monat November ist für mich der Inbegriff von Dingen, die es nur im Winter gibt oder geben sollte, denn seit einiger Zeit hat ja die Unsitte stark um sich gegriffen, alles und jedes das gottlob noch Brauch ist, um Wochen vorweg zu nehmen. Die Fasnachtsküchlein erscheinen schon kurz nach dem Neujahr, die Osterhasen und Ostereier schon gleich nach der Fasnacht und die geschmückten Tannenbäume für Weihnachten schon lange vor dem 6.Dezember, dem St.Niklausstag im Advent.

Aber es ist November, also Zeit der Kastanien, der Marroni. Früher waren es in der Schweiz fast ausschliesslich Italiener, die sich dieser Winterspezialität widmeten, gebratene Kastanien in den grösseren Städten zuzubereiten und zu verkaufen. Solche Marronistände, meist recht bescheiden aufgestellt, hatten ihre Standplätze an sehr frequentierten Strassenecken oder Plätzen der Stadt. Dazu genügte ein einfacher Schragen, an dem die Marroni eingeschnitten werden konnten, ein Bratofen der aussah wie ein grosses Fass und ein meist kupferner Behälter, um die fertig gebratenen Marroni warm zu halten. Aufgehängt an einer Stange welche den Tisch etwas überragte, waren vorbereitete, selbstgewickelte Spitztüten aus Zeitungspapier, denn diese Verpackung kostete nichts. Und zum Inventar gehörte eine kleine Waage mit ein paar Gewichtssteinen – 100 Gramm und 200 Grammsteine genügten meistens, dazu noch ein 50 Grammstein.

In Basel war so ein Stand auch unter den Arkden des Globus zu finden. Der war also auch schön vor Regen oder Schnee geschützt, weniger vor dem Wind, der in der Nähe des Rheines manchmal sehr heftig von Osten her weht. Ein Spruch, den man heute auch fast nie mehr hört, lautete dann meist: „Der Ostwind bringt kranke Leute“, denn wenn es so richtig kalt war – und der Ostwind im Winter ist kalt und bissig – grassierten Schnupfen und Husten, wenn nicht gar eine Grippe.

An diesem Platz unter den Globus Arkaden in Basel hatte ein Italiener seinen Marronistand. Sah man diesen grossen, quadratischen Mann zum ersten Mall, so fuhr man, entweder leicht erschrocken, oder dann amüsiert, zusammen. Denn er sah aus wie der Zwillingsbruder von Stalin. Einen mächtigen Schnauz hatte er unter der Nase und seine Augen schauten so, als nähme er gerade die Huldigung einer vorbeidröhnenden Militärparade entgegen. Stolz und aufrecht stand er da, hinter seiner glühenden Bratpfanne, von der er dann und wann den Deckel lüftete, um mit einer Schaufel die Marroni zu wenden, damit sie nicht einseitig schwarz und verbrannt in die kupferne Warmhaltewanne wandern mussten.

Andauernd musste er auf Grüsse antworten die ihm entgegen schallten, wie:
„Ciao Stalin“, oder „Pass auf deinen Schnauz auf“, aber er liess sich meist seine gute Laune dadurch nicht vermiesen.

Aber der Kauf von einer in Zeitungspapier verpackten kleinen Menge Marroni war ja noch keine Castgnata all’italiana! Und so ein Fest fand jedes Jahr im November statt, an dem sich viele Mitglieder dar damaligen italienischen Kolonie in Basel einfanden, um miteinander ein paar fröhliche Stunden zu verbringen. Den grössten Harst bildeten die in die Schweiz emigrierten Italiener, damals nach dem ersten Weltkrieg, jene aus den nördlichen Provinzen, wie den drei Venetien (Venezia Giulia, Venezia Tridentina und Venezia Euganea), der Lombardei und der Emilia-Romagna. Von weiter südlich her hatte sich kaum jemand, damals, in die Schweiz verirrt. Ich erinnere mich da nur an zwei Neapolitaner und an eine Familie aus Sizilien.

Die meisten Familien kamen also aus dem Nordosten Italiens, wo auch der erste Weltkrieg ordentlich gewütet hatte. Und viele Familienoberhäupter waren demzufolge ehemalige Kriegsveteranen – ex-Combattenti – und daher auch meist der Waffengattung „Alpini“ zugeteilt gewesen. Und so waren es meist diese Alpini, die sich in einem Verein zusammen gefunden hatten, welche die Castagnata organisierten und die Mittel aus ihrer Vereinskasse zur Verfügung stellten.

Wieder einmal war es so weit. Sogar der Pfarrer der italienischen katholischen Mission verkündete es am Ende seiner Sonntagspredigt, dass am Tag x um xx Uhr im grossen Saal xxx das traditionelle Kastanienfest stattfinde. Jedermann sei herzlich eingeladen dazu. Schon für den Nachmittag des betreffenden Tages wurden Frauen und Mädchen aufgefordert, sich als Helfer anzumelden bei den Vorbereitungen, die es natürlich auch brauchte, wenn schon alles eigentlich in sehr bescheidenem Rahmen ablief. Tische wurden aufgestellt, mit weissem Papier überzogen, Tellerchen wurden als kleine Türmchen in die Mitte des Tischen und in kleinen Abständen hingestellt, zur Selbstbedienung, sowie etlich Messerchen und Kaffeelöffel. Die Kaffeelöffel durften nicht fehlen, denn es gab damals nicht nur die gebratenen Marroni, sondern auch sogenannte gekochte oder geschwellte Kastanien. Diese Zubereitung ist sehr einfach, dürfte aber in der Schweiz fast unbekannt sein. In Wasser werden die Früchte gekocht, wobei man dem Wasser entweder ein wenig Salbei oder ein Lorbeerblatt beigibt. Zuletzt wird noch ein Wenig Salz ins Wasser gestreut, bevor die Pfanne vom Herd genommen wird um das Wasser abzuschütten. Diese Kastanien werden entzwei geschnitten und mit dem Kaffeelöffel ausgehölt.

Aber das wichtigste Utensile bei der Castagnata ist das Glas. Ein Weinglas natürlich! Die Marroni sind ja an und für sich eine ziemlich trockene Angelegenheit, und da muss man öfter einmal nachhelfen mit einem guten Schluck Chianti, oder, wie es der Brauch in Oberitalien war, mit einem Bardlino oder Valpolicella. Da die Alpini dafür bekannt waren, ziemlich viel zu vertragen, wurde auch immer darauf geachtet, dass genügend Flüssiges auf Vorrat lag.

Und dann rückte der bewusste Tag in den früh dunkeln Abend vor. Von allen Seiten strömten sie herbei, unsere Landsleute, schon von weitem hörte man die Begrüssungsworte von Gruppe zu Gruppe schallen, und eine grosse Menge Frauen und Männer, darunter Jugendliche und Kinder, stiessen sich lachend und schwatzend die breite Treppe hinauf, in den ersten Stock und zu den einladenden Tischen, die natürlich auch mit Blumen und mit Bändern in den Farben der italienischen Tricolore geschmückt waren. Meist hielt jemand aus dem italienischen Konsulat eine kurze Ansprache als Willkommensgruss, aber der Sprecher wusste genau, dass lange Reden an diesem fröhlichen Anlass keine Gegenliebe gefunden hätten.

Schon bald kamen die Marronimänner mit ihrer herrlichen Last in den Saal, die Frauen trugen aus der nahen Küche ganze Schalen voll gekochter Marroni ebenfalls hinzu, wobei diese Gefässe sorgfältig in Tücher gehüllt waren, damit der Inhalt auch lange schön warm blieb. Die Gläser wurden gefüllt und los ging das fröhliche Schnabulieren. Als der erste Gluscht gestillt war, ertönte, zaghaft zuerst, aus einer Ecke eines der vielen Lieder, aus dem Fonds derjenigen, welche im Lande Berühmtheit erlangt hatten, als klassische Kriegslieder der Armee, hauptsächlich der Alpini. Und es ging nicht lange, bis ein Lied das andere ablöste, von allen gesungen, denn alle kannten diese teils sehr wehmütigen Melodien, die meist von Abschied und scheuen Küssen handelten. Es sangen wirklich alle mit, von ältesten „nonno“ zum jüngsten Kind, denn Kinder wurden nicht aus dem allgemeinen Leben der Familien verbannt, auch wenn es darum ging, an Festlichkeiten bis ziemlich spät aufbleiben zu dürfen.

Und so ertönte denn „il mazzolin di fiori“, worauf alle mit ihren Basstimmen einfielen „che vien dalla montagna“, oder „sul ponte di Bassano, noi ci darem la mano……“ bis zum allertraurigsten „ta-pum, ta-pum, ta-pum“, wo man totgeschossen wurde vom österreichischen „cecchino“.

Abgeschossen wurden aber hier, im sicheren Basel, die Alpini nicht von Scharfschützen, aber doch halbwegs vom Wein, denn manch einer, der ein wenig zu viel gesungen und zu tief ins Glas geschaut hatte, wurde von seiner Ehefrau eher unsanft am Kittel gepackt und weggezogen, bevor er den andern anfing, unangenehm aufzufallen. Wobei eigentlich jeder zum voraus schon wusste, wen es wieder einmal packen und treffen würde, an dieser lustigen und doch besinnlichen Castagnata………….. und dann hörte man vielleich noch einen einzelnen, von weiterher rufen: „ei, veccio, vien che l’è tardi!.............


Erinnerungen von Ericazet

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