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THEMA: Die Hohle Gasse bei Küssnacht und Wilhelm Tell

Die Hohle Gasse bei Küssnacht und Wilhelm Tell 24 Jan 2017 16:32 #1



Waren Sie auch auf Schulreise in der Hohlen Gasse? Haben Sie vielleicht als Schüler Karten verkauft, damit das Areal im Besitz der Schweizer Schuljugend bleibt? Haben Sie die Hohle Gasse als Erwachsener nochmals besucht? Ich habe es kürzlich getan, über 65 Jahre nach der Schulreise.

Die Hohle Gasse bei Küssnacht ist eine wichtige schweizerische Erinnerungsstätte. Schon im ‚Weissen Buch von Sarnen‘ (um 1470) und nach Aegidius Tschudi (um 1530) wurde bekannt gemacht, dass ‚Tell hier mit einem Pfeil den habsburgischen Landvogt Gessler erschossen‘ habe und zur Erinnerung daran wurde eine Kapelle gebaut.



»Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Es führt kein anderer Weg nach Küssnacht« So tönt es bei Friedrich Schiller, der den Stoff aus uralten Sagen hervorgekramt und zu einem bewegenden Drama und Freiheits-Epos verarbeitet hat. Diesem Dichterfürst ist vor allem zu verdanken, dass Tell so berühmt wurde. Nicht nur hier, und nicht nur positiv; wo immer machtgeile Diktatoren das Sagen hatten, war das Schauspiel vom Tell verboten.

Altdorf als Stätte des Apfelschusses, die Tellsplatte am Urnersee und die Hohle Gasse, das waren für mich als Schüler eindrückliche Plätze und das Wirken von Tell beeindruckte – in der Zeit ohne Fernsehen und Internet - stark. Auch wenn der Lehrer immer wieder behauptete, dass Tell nur eine erfundene Figur sei, liess mich dieser Mann nicht so schnell los.

Bis in die 1930er Jahre war die Hohle Gasse die Durchgangsstrasse, und täglich fuhren bis zu 1000 Autos durch den Hohlweg. Da blieb von der historischen Stätte kaum mehr viel übrig. Eine Umfahrungsstrasse musste her und für die Hohle Gasse eine Stiftung, die sie erhalten soll. Nur war der Kanton Schwyz damals noch nicht so reich wie heute und so brauchte es einen Anstoss bzw. eine Idee von aussen.

Mit dem Verkauf einer Postkarte machte die Schweizer Schuljugend auf die prekäre Situation aufmerksam. Der Preis von 20 Rappen summierte sich zu einem Reinertrag von Fr. 103‘000. So wurde der Grundstein für die Umfahrungsstrasse gelegt und dieser historische Ort Eigentum der Schweizer Schuljugend.

Nach Eröffnung der Umfahrungsstrasse wurde die Hohle Gasse zu einem knapp 1,5 m breiten Hohlweg verengt, so wie wir ihn heute noch kennen. Bei einer Gesamtsanierung 2004/2005 ist auch ein Informations-Pavillon entstanden, wo die Geschichte der Hohlen Gasse erleb-, sicht-, spür- und hörbar wird.



Nein, Tell hat nie gelebt. Nur hat es Genie Friedrich Schiller geschafft, uns die Figur Tell so lebensnah zu schildern, dass alles sehr glaubhaft wirkt. Jungs wollen Helden haben, diese als Vorbilder nehmen. Auch der Apfelschuss ist erfunden, und der Lehrer ermahnte uns ernsthaft, es nie zu versuchen. Ob wir es nicht doch ausprobierten?

Tell ist ein Mythos. Ein Schweizer Mythos, durch Friedrich Schiller in den höchsten Literatur-Himmel erhoben. Dass Held Tell uns Schüler und wohl auch einige Schülerinnen beeindruckte und damit einen Patriotismus auslöste, ist normal. Doch liessen sich nicht auch Erwachsene von den starken Worten des Schauspiels anstecken und fühlten sich als Söhne Tells? Und bekamen so den Dünkel, besser zu sein als andere?

Vielleicht war das der Anstoss, der Max Frisch dazu anregte, die Dinge wieder zurecht zu rücken. Er veröffentlichte 1971das Büchlein ‚Wilhelm Tell für die Schule“. (Alles im folgenden kursiv geschriebene sind wörtliche Zitate aus diesem Werk)



Frisch beschreibt ‚Ritter Konrad oder Grisler‘ (nach Schiller: Gessler) auf Dienstreise in die Berge. Ein Auftrag, der dem ‚dicklichen Ritter‘ gar nicht gefällt. Der Föhn tobt, er schwitzt, die Verhandlungen mit dem greisen, schwerhörigen Attinghausen waren schwierig, den Mann mit der Armbrust, der niemanden grüsst, den hatte er auch schon getroffen. Jetzt gab es nur noch eins, was er in seiner Eigenschaft als Reichsvogt zu erledigen hatte: die übliche Zeremonie mit dem Hut auf der Stange. Dann wollte er nur noch schnell nach Hause. Aber….

Ein leidiger Zwischenfall ereignete sich noch in letzter Stunde, Ritter Konrad von Til-lendorf, heute noch berüchtigt unter dem Namen Gessler, liess sich gerade den zweiten Stiefel geben, als die Meldung kam: Einer habe den Hut auf der Stange nicht gegrüsst. Er seufzte, wie meistens beim Anziehen dieser Stiefel, und man musste es ihm zweimal melden. Einer habe soeben usw. Es passte dem dicklichen Ritter gar nicht. Er wollte heute noch bis Immensee. ….Seine Waffenknechte hatten den Mann leider gefasst. Er ärgerte sich gar nicht über den Mann, der vielleicht, wie er hoffte, den Hut auf der Stange übersehen hatte, sondern über sich, dass er nicht im Morgengrauen aufgebrochen war. Er hatte sich verschlafen.

Er überlegte, wie die leidige Sache sich kürzestens erledigen liesse. Ohne Publikum wäre das einfach gewesen: Gnade vor Recht…..Einen Einzelfall hochzuspielen hatte er kein Interesse, der dickliche Ritter, der an diesem Tag noch nach Immensee zu kommen hoffte. Es war Föhn, ein leichter Föhn, der sich aber von Stunde zu Stunde verschlimmern konnte; er dachte schon mit Sorge an die Fahrt über den See.

Als er auf den Platz mit dem Hut kam, war schon viel neugieriges Volk da. Und als er den Mann mit der Armbrust und seinen Buben erkannte, wollte er die Sache mit einem Scherz beenden. Aber Tell antwortete lange nicht, dann entschuldigte er sich und bat um Gnade. Doch würde er einen Habsburger Hut nie grüssen und als freier Urner einen kaiserlichen Hut auch nicht. Vielleicht spürte auch Tell den Föhn.

Wir wissen, wie es weiter geht. Der dickliche Ritter bat Tell im Scherz, einen Apfel vom Kopf seines Buben zu schiessen, nachdem dieser die Schiesskünste seines Vaters in höchsten Tönen lobte. Und dann war noch die Geschichte vom zweiten Pfeil, und der dickliche Ritter wollte ja heute noch nach Immensee.

Die Schiffsreise nach Brunnen war in dem vom Föhn aufgepeitschten See recht schwierig. Er hatte den Mann mit der Armbrust am Ufer zurück gelassen, seine Knechte sollten ihn frei lassen, wenn der Ritter ausser Reichweite war. Was geht im Hirn eines Mannes vor, der auf Aepfel zu schiessen pflegt!

Kurz vor Sisikon wurde es schlimmer und schlimmer…eine berüchtigte Stelle, wo bei Föhn schon mancher zu kämpfen hatte, kein Wunder, dass um diese Stelle herum Geschichten entstanden.

Ritter Konrad übernachtete bei Brunnen und erreichte anderntags die Hohle Gasse, gegen Mittag, hungrig auf einen Imbiss in Immensee; er dachte an gebackenen Fisch, als er plötzlich einen Schmerz empfand… Dann krümmte es ihn vornüber. Ob er den Mann mit dem rötlichen Bart und mit den nackten Knien, der jetzt aufrecht und breitbeinig aus dem Gebüsch trat mit der Armbrust in der rechten Hand, überhaupt noch erkannt hatte, bevor es ihm schwarz wurde vor den Augen, ist ungewiss.

Max Frisch hat nicht nur die Tell-Geschichte neu verfasst, er hat auch in alten historischen Papieren recherchiert und seine Ergebnisse sind eingeflossen. So besteht das Büchlein etwa je zur Hälfte aus der Geschichte und aus Anmerkungen. Frisch äusserte auch noch einige linke Gedanken zur damals aktuellen Politik (1971). Diese Bemerkungen laden heute eher zum Schmunzeln ein.

Wilhelm Tell hat Karriere gemacht, auf Schweizer Briefmarken und Banknoten; auch Ferdinand Hodler hat den Armbrust-Schützen kraftvoll gemalt. In Altdorf und Interlaken finden jedes Jahr Tellspiele statt. Und gute Produkte werden bekanntlich seit langem mit einer Armbrust als Zeichen für Schweizer Herkunft versehen.

Nur auf dem Fünfliber ist – entgegen vielfacher Ansicht – nicht Tell, sondern schlicht ein ‚Alphirte‘ abgebildet.





Fotos:
Titelfoto: hohlegasse.ch
alle übrigen: aloisius

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Letzte Änderung: von aloisius.

Die Hohle Gasse bei Küssnacht und Wilhelm Tell 26 Jan 2017 10:19 #2

Korrektur:
Leider sind die kursiven Texte nicht korrekt übernommen worden. Ich korrigiere jetzt.
Ab dem Abschnitt, der endet ......"er dachte schon mit Sorge an die Fahrt über den See."
müsste es korrekt so weitergehen:

Als er auf den Platz mit dem Hut kam, war schon viel neugieriges Volk da. Und als er den Mann mit der Armbrust und seinen Buben erkannte, wollte er die Sache mit einem Scherz beenden. Aber Tell antwortete lange nicht, dann entschuldigte er sich und bat um Gnade. Doch würde er einen Habsburger Hut nie grüssen und als freier Urner einen kaiserlichen Hut auch nicht. Vielleicht spürte auch Tell den Föhn.

Wir wissen, wie es weiter geht. Der dickliche Ritter bat Tell im Scherz, einen Apfel vom Kopf seines Buben zu schiessen, nachdem dieser die Schiesskünste seines Vaters in höchsten Tönen lobte. Und dann war noch die Geschichte vom zweiten Pfeil, und der dickliche Ritter wollte ja heute noch nach Immensee.

Die Schiffsreise nach Brunnen war in dem vom Föhn aufgepeitschten See recht schwierig. Er hatte den Mann mit der Armbrust am Ufer zurück gelassen, seine Knechte sollten ihn frei lassen, wenn der Ritter ausser Reichweite war. Was geht im Hirn eines Mannes vor, der auf Aepfel zu schiessen pflegt!

Kurz vor Sisikon wurde es schlimmer und schlimmer…eine berüchtigte Stelle, wo bei Föhn schon mancher zu kämpfen hatte, kein Wunder, dass um diese Stelle herum Geschichten entstanden.


Ritter Konrad übernachtete bei Brunnen und erreichte anderntags die Hohle Gasse, gegen Mittag, hungrig auf einen Imbiss in Immensee; er dachte an gebackenen Fisch, als er plötzlich einen Schmerz empfand… Dann krümmte es ihn vornüber. Ob er den Mann mit dem rötlichen Bart und mit den nackten Knien, der jetzt aufrecht und breitbeinig aus dem Gebüsch trat mit der Armbrust in der rechten Hand, überhaupt noch erkannt hatte, bevor es ihm schwarz wurde vor den Augen, ist ungewiss.

Max Frisch hat nicht nur die Tell-Geschichte neu verfasst, er hat auch in alten historischen Papieren recherchiert und seine Ergebnisse sind eingeflossen. So besteht das Büchlein etwa je zur Hälfte aus der Geschichte und aus Anmerkungen. Frisch äusserte auch noch einige linke Gedanken zur damals aktuellen Politik (1971). Diese Bemerkungen laden heute eher zum Schmunzeln ein.

Wilhelm Tell hat Karriere gemacht, auf Schweizer Briefmarken und Banknoten; auch Ferdinand Hodler hat den Armbrust-Schützen kraftvoll gemalt. In Altdorf und Interlaken finden jedes Jahr Tellspiele statt. Und gute Produkte werden bekanntlich seit langem mit einer Armbrust als Zeichen für Schweizer Herkunft versehen.

Nur auf dem Fünfliber ist – entgegen vielfacher Ansicht – nicht Tell, sondern schlicht ein ‚Alphirte‘ abgebildet.

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