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02.07.2016 -- Bernhard Schindler/wyd

Z Basel isch Bündelidaag!

Der Bündelitag ist in der Deutschschweiz bekannt - auch wenn der Samstag ohnehin schulfrei ist


Das war mal eine grosse Geschichte, der Bündelitag. Er wurde in Basel erfunden und galt für den letzten Samstag im Juni oder dem ersten im Juli. Dann fiel nämlich die Schule aus, weil die Ferien begannen. Am Samstag konnte meist auch der Papa «schwänzen», und nun hiess es, so schnell wie möglich (noch vor allen andern) in seinen Ferienort zu gelangen. Wie ja heute auch noch.

Friedrich Nietzsche schrieb 1859 in seinem ersten von zehn Jahren an der Uni Basel in einem Brief «Weisst Du schon, was der Baseler Bündelitag ist? Jeder schnürt sein Bündel und läuft nach der Eisenbahn, alle Schulen, auch die Universität machen eine Erholungspause von vier Wochen!»

(Quelle: Basler Zeitung, 2. Juli 2011)

Heute hat der Bündelitag, der übrigens von Basel aus einst die ganze Deutschschweiz eroberte, an Bedeutung verloren. Denn mit der Fünftage-Woche war der Samstag ohnehin schulfrei. Und wenn damals viele Eltern meinten, nun müsse eben die Schule schon am Freitag schliessen, damit die Familie noch schneller in Urlaub fahren könne, so irrten sie sich. Zwar gab man dem Drängen der Kinder nach und liess das Schuljahr (das ja auch erst seit den sechziger Jahren gesamtschweizerisch im Sommer aufhört) mit irgend welchen Schulfesten ausplampen. Seit es an den Kantonsschule im Aargau Kadetten gibt, wurde der letzte Schultag im Juni somit zum Kinderfest mit anschliessendem «Gefecht» zwischen Freischärlern und Kadetten.

Die Geschichte mit dem Viererblock

Mein Vater war ein passionierter Wanderer, besass nie ein Auto (auch wenn er sich später gern von mir herumkutschieren liess). Aber er war Briefmarkensammler und weil wir in der Regel mit der Bahn bis zu einer Haltestelle für Postautos fuhren, wurden die Koffer rechtzeitig bei der Basler Post aufgegeben. Der Koffer wurde gewogen und hat natürlich nicht ein einziges Mal die erlaubte Gewichtsmenge überschritten. Dann klaubte mein Vater die zu Hause vorbereiteten Postetiketten aus seiner Brieftasche und liess sie sorgfältig vom Schalterbeamten stempeln, der Stempel fein säuberlich und nicht verschmiert in der Mitte der Viererblöcke. Eine Fertigkeit, die von den Pöstlern speziell gelernt werden musste. Einmal versetzte der Beamte an der Spalenpost den Stempel weit von der Mitte entfernt, entschuldigte sich und sagte: «I mach’s nonemol!» Obwohl ihn mein Vater daran hindern wollte, pfefferte nun der Mann am Schalter seinen Stempel haargenau ins Zentrum des Viererblocks. Nur leider war dieser bereits vom verrutschten Stempel nicht nur postalisch, sondern auch philatelistisch entwertet…

Am Ferienort, an ungeraden Jahren war das ein Chalet in Valbella , in geraden Jahren Montagnola oder ein Walliser Sommerwanderort, holten Papa und ich dann die Koffer mit dem Leiterwagen bei der örtlichen Poststation ab. Einmal kamen sie verspätet in Montagnola auf der Collina d’Oro an, es stellte sich dann heraus, dass der doch so exakte Vater statt Montagnola Massagno geschrieben hatte. In Erinnerung an die Villa Magnolie, wo er in den dreissiger Jahren meine Mutter gefreit hat.

Das Wandern ist der Schindler Lust

Wir fuhren natürlich nie in Ferien, um hinterm Gartenhag in der Sonne zu bräteln. Braun wurden wir vom Wandern. Von Lenzerheide aus nach Obervaz oder nach Tiefenkastel, wo Papa im Hotel Post auf der Terrassenbrücke über Albula und Julia immer wieder die Serviertochter nervte, ob nun die Forellen, die wir bestellt hatten, aus der Julia oder der Albula stammten. Die letzte Woche unserer Bündner Ferien galten dann dem Nationalpark oder den Südtälern, wobei wir von Juf den Septimer erklommen und äne wieder abe nach Casaccia gelangten.

Im Tessin begannen wir beispielsweise mit der Strada alta in Airolo und wanderten auf der schmalen Bergstrasse an all den wunderschönen Kapellen vorbei in denen noch viele Kunstschätze zu bewundern waren, die heute leider längt verschwunden sind – gestohlen oder oder von der Gemeinde billig ins Unterland verkauft.

Wenn dann am jeweiligen Ferienort der Nationalfeiertag mit Feuer, Feuerwerk, einer herzhaften Rede und vielen mezzi litri di Nostrano begangen worden war, verblühten die letzten Alpenrosen, die Weidwiesen wurden gelb, die ersten Herbstzeitlosen kamen aus der trockenen Erde. Und am Tag vor Ferienende schneite es manchmal schon in Valbella.

Dann packten wir wiedrum unsere Bündeli, resp. unsere Koffer und Papa legte der Postbeamtin die Viererblöcke hin, die zu seiner vollen Zufriedenheit gestempelt wurden. Tü-ta-to – Schon hörten wir das Postauto dem Lenzerheidsee entlang fahren. Letzter Abschied, dann war der gelbe Bus da, der uns die Spitzkehren hinunter an Passugg vorbei nach Chur brachte. In einem frühen Artikel für die Neue Bündner Zeitung damals schrieb ich von den angsteinflössenden Kurven – der Artikel kam ungedruckt zurück mit dem Vermerk des damaligen Reaktors, die Kurven seien überhaupt nicht gefährlich. (Einige Jahre später, damals als Reporter des Bündner Tagblatts, beschrieb ich dann einen von der Polizei zu Übungszwecken gestellten «Unfall», den ein Autofahrer angeblich verursacht hatte, weil er den ganzen Berg hinunter nicht von der Bremse weggekommen war. Zuletzt glühten die Achsen und der Motor fing Feuer. Meinen Kollegen von der Konkurrenz, es war jener, der meinen Jugendartikel damals verworfen hatte, fragte ich scheinheilig, ob so etwas Fürchterliches auf dieser Strecke denn schon einmal vorkommen sei. Der Kollege errötete, vielleicht erinnerte er sich an meinen journalistischen Versuch. Und blieb mir eine Antwort bis heute schuldig.

Herzlichen Dank Bernhard!

Doris und das OK